Putin im O-Ton über die Folgen der Lieferung von Taurus-Raketen an Kiew
Der russische Präsident Putin stellt sich während des Petersburger Wirtschaftsforums traditionell den Fragen der internationalen Nachrichtenagenturen. Dabei wurde er von der DPA nach den Folgen einer Lieferung von Taurus-Raketen an Kiew gefragt.
Es ist eine jahrelange Tradition, dass sich der russische Präsident Putin während des Petersburger Wirtschaftsforums stundenlang den Fragen der weltweit wichtigsten Nachrichtenagenturen stellt. Ich werde in mehreren Artikeln die interessantesten Fragen und Putins Antworten übersetzen.
Hier übersetze ich eine Frage der deutschen Nachrichtenagentur DPA über die Folgen einer Lieferung von Taurus-Raketen an Kiew.
Beginn der Übersetzung:
Romantschik: Herr Präsident, ich möchte auf meine erste Frage zurückkommen, denn es geht um etwas, was in der deutschen Gesellschaft sehr aktiv diskutiert wird. Olaf Scholz hat als Bundeskanzler eine Debatte über die Lieferung von Taurus-Raketen geführt. Und jetzt hat Bundeskanzler Merz noch nicht öffentlich gesagt, was passieren wird, wenn Deutschland Taurus-Raketen liefert. Wie würde die Russische Föderation darauf reagieren?
Putin: Ich habe bereits darüber gesprochen, aber wahrscheinlich nicht klar genug, und ich entschuldige mich dafür, dass ich mich unklar ausgedrückt habe.
Wir kennen die Vorgeschichte unserer Beziehungen. Wir wissen, was in den 40er Jahren geschah, wir wissen, was während des Zweiten Weltkriegs geschah. Und wir wissen, wie viel Mühe beide Seiten – sowohl die Sowjetunion und die Russische Föderation als auch Deutschland – aufgewendet haben, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Und das ist uns in vielerlei Hinsicht gelungen. Das gilt für Ostdeutschland, die Deutsche Demokratische Republik, aber auch für Westdeutschland, die Bundesrepublik. Man denke nur daran, was Willy Brandt und seine Parteigenossen geleistet haben. Aber auch Kohl hat viel getan.
Die Sowjetunion war gegen die Teilung Deutschlands. Das, die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, war nicht die Initiative der Sowjetunion, wir waren dagegen. Jedenfalls zweifelt niemand daran, dass 1990 gerade Russland, die Sowjetunion und Russland, eine entscheidende Rolle bei der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Fall der Mauer gespielt haben. Ich hoffe, dass das in Deutschland niemand vergessen hat.
Ich möchte betonen, dass der Vorsitzende des russischen Parlaments in einem Brief an seine Kollegin in der Bundesrepublik geschrieben hat: In der gesamten jüngeren Geschichte hat Russland keinen einzigen Schritt unternommen, ich möchte das betonen, keinen einzigen Schritt, der den Interessen des deutschen Volkes und der Bundesrepublik Deutschland zuwiderlaufen würde.
Aber jetzt hat sich die Situation geändert. Ich möchte jetzt keine Bewertung der Position der Bundesrepublik abgeben, die sie aufgrund der Einschätzungen vieler westlicher Länder im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Ukraine einnimmt. Nun, das ist eine Frage der politischen Einschätzung. Aber wenn wir deutsche Panzer in der Ukraine sehen, ja nicht einmal in der Ukraine, sondern in Kursk, wo deutsche Technik auf russischem Boden war, sogar in dem Teil, den Deutschland unbestritten als russisch anerkennt, dann ist das natürlich eine andere Geschichte.
Und was ist Taurus? Das ist eine hochpräzise Waffe, die ukrainische Soldaten nicht bedienen können, sie sind dazu nicht in der Lage – das sind offensichtliche Dinge, das weiß jeder. Ohne Weltraumaufklärung ist es unmöglich, Taurus einzusetzen. Das können nur westliche Länder. Ohne deutsche Offiziere ist es unmöglich, Taurus einzusetzen, nur deutsche Offiziere können Taurus bedienen.
Was bedeutet das? Dass Soldaten der Bundeswehr mit deutschen Waffen Angriffe auf russisches Gebiet durchführen werden. Was ist das sonst, wenn nicht eine direkte Verwicklung der Bundesrepublik in einen bewaffneten Konflikt mit der Russischen Föderation? Anders kann man das nicht bezeichnen. Aber das ist nicht unsere Entscheidung, wir wollen diese Entwicklung nicht. Wenn jedoch die Regierung der Bundesrepublik eine solche Entscheidung trifft, gut, dann werden wir von diesem Punkt ausgehen.
Ich werde jetzt nicht ins Detail gehen, aber das wird unseren Beziehungen natürlich sehr schweren Schaden zufügen, das sage ich sehr milde, aber es wird keinen Einfluss auf den Verlauf der Kampfhandlungen haben, denn die russischen Streitkräfte haben in allen Bereichen einen strategischen Vorteil, in allen. Was wer auch immer sagen mag, unsere Truppen rücken an der gesamten Frontlinie jeden Tag vor: mal mehr, mal weniger, aber sie rücken jeden Tag vor. Und ein weiteres Vorrücken ist unvermeidlich, selbst wenn Taurus-Raketen eingesetzt werden. Das heißt, Sie werden die Beziehungen zu Russland zerstören, aber auf dem Schlachtfeld wird es keine Wirkung haben. Letztendlich ist das eine Entscheidung der deutschen Regierung, wenn sie dafür das Mandat des deutschen Volkes hat.
Und Sie wissen ja, was dort vor sich geht, ich meine an der Frontlinie. Ich hoffe, Sie wissen es. Vielleicht können Sie aus politischen Gründen nicht alles objektiv erzählen, aber es ist ja allen bekannt. Ich hoffe, dass auch Ihre Mitarbeiter, die dort arbeiten, alles sehen.
Verstehen Sie, die ukrainischen Streitkräfte sind in den wichtigsten Einheiten zu 47 Prozent besetzt, die Sturmtruppen sogar noch weniger. Und wie geht es weiter? Wie geht es weiter? Es geht nicht einmal darum, ob westliche Länder Waffen liefern oder nicht. Das ist natürlich wichtig. Aber wenn die Besetzung weniger als 50 Prozent beträgt, dann gelten die entsprechenden Einheiten einfach als handlungsunfähig, als kampfunfähig.
Dort findet auch eine massive Zwangsmobilisierung statt. Das wissen Sie doch sicher. Ich verstehe, dass Sie aus politischen Gründen dazu schweigen müssen, aber Sie selbst wissen es hoffentlich. Sie haben sich dort geeinigt – nicht geeinigt, sondern sie haben beschlossen -, 18-jährige Jungen zu rekrutieren, und wollten 1.500 Mann gewinnen. Meines Wissens haben sie nur tausend Mann gewonnen und 500 davon sind einfach weggelaufen. Und die Zahl der Deserteure steigt, sie steigt einfach sehr stark an. Die Verluste übersteigen die Zahl der Mobilisierten. Nun, das ist alles. Was dann?
Deshalb sagen wir: Lasst uns, wir sind einverstanden, lasst uns zusammensetzen und eine Einigung erzielen. Wir haben 2022 in Istanbul Bedingungen für Vereinbarungen vorgeschlagen, die viel milder waren als jetzt. Jetzt hat sich die Situation geändert, sie werden jetzt so sein, wie sie sind. Aber wir sind bereit, auch weiterhin nach diesen Istanbuler Prinzipien zu verhandeln. Wenn die nicht verhandeln wollen, wird sich die Situation für sie vielleicht noch weiter verschlechtern. Die sollten das nicht hinauszögern, sondern sich an den Tisch setzen und verhandeln.
Ich denke mir das nicht aus, glauben Sie mir, das sind absolut objektive Informationen. Die Besetzungsquote der Einheiten beträgt 47 Prozent. Ob es Taurus-Raketen geben wird oder nicht, ist völlig irrelevant. Denken Sie mal darüber nach: Muss man diese Taurus-Raketen wirklich liefern, um die russisch-deutschen Beziehungen endgültig zu begraben?
Ende der Übersetzung
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