Die komplizierten Interessen im Kampf um die Dominanz im östlichen Mittelmeer (und weit darüber hinaus)
Im östlichen Mittelmeer findet ein geopolitischer Kampf statt, über den man in den Medien nichts hört, dabei ist er zum Verständnis der Vorgänge in der Region, beispielsweise auch beim Gazakrieg, sehr wichtig.
Ich habe einen Artikel übersetzt, der bei The Cradle erschienen ist und der mich auf Zusammenhänge hingewiesen hat, die zwar offensichtlich sind, die ich aber trotzdem bisher nicht in dem Umfang gesehen habe. Der Grund dafür ist banal und liegt darin, dass ich mit anderen Themen beschäftigt bin. Hätte ich mir die Zeit genommen, die Lage im östlichen Mittelmeer mal in Ruhe zu analysieren, dann wäre mir das meiste von dem, was The Cradle berichtet hat, auch ins Auge gesprungen.
In der Einleitung zu meiner Übersetzung des Artikels von The Cradle habe ich angekündigt, dass ich in einem gesonderten Artikel aufzeigen werde, warum dieser Artikel von The Cradle so vieles erklärt, denn in dem Artikel, der offensichtlich für Fachleute geschrieben wurde, wird das nicht explizit erklärt. Man muss also einiges an Vorwissen und auch Zeit zum Nachdenken mitbringen, wenn man den Artikel liest und verstehen will, was das dort Gesagte bedeutet, denn das wird dort kaum explizit erklärt.
Daher werde ich das nun tun und einen Überblick geben, worum es im östlichen Mittelmeer geht, was das mit dem Machtkampf zwischen den USA und China zu tun hat und welche Rolle der Gazastreifen dabei spielt.
Beginnen wir mit den Interessen der wichtigsten beteiligten Länder.
Die Türkei
Die Türkei unter Erdogan ist ausgesprochen ambitioniert und will ihre Einflusssphären ausbauen. Die Türkei hat erstens einen traditionellen Konflikt mit Griechenland, in dem die Türkei die Oberhand behalten will, und zweitens ihre Ambitionen im Nahen Osten insgesamt. Zu dem Konflikt mit Griechenland gehört auch der Streit um das in einen griechischen und einen türkischen Teil geteilte Zypern.
Im Nahen Osten will die Türkei die Kontrolle über Syrien erlangen, was ihr nach der Machtübernahme der von der Türkei seinerzeit unterstützten Islamisten Ende 2024 auch weitgehend gelungen ist.
Erdogan möchte sich als Schutzherr der Moslems inszenieren, weshalb er in einer klaren Konfrontation mit Israel steckt, die spätestens während dem israelischen Vernichtungskrieg in Gaza offen sichtbar wurde.
Andererseits stand Erdogan in Konkurrenz zu Ägypten. Nach dem sogenannten „arabischen Frühling“ war dort die Muslimbrüderschaft an die Macht gekommen, zu der man auch Erdogan zählen kann. Dann wurde diese ägyptische Regierung aber vom Militär unter as-Sisi weggeputscht, der die Macht übernommen hat, und es kehrte eine Eiszeit zwischen der Türkei und Ägypten ein.
So steht Erdogan im Prinzip mit allen Playern der Region mehr oder weniger auf Kriegsfuß, allerdings fand vor dem Hintergrund von Israels Vernichtungskrieg in letzter Zeit eine Annäherung zwischen der Türkei und Ägypten statt.
Israel
In Israel träumt die national-faschistische Regierungskoalition davon, ein Großisrael zu errichten. Die USA versuchen zwar, Israel mit den arabischen (und auch anderen muslimischen) Staaten zu versöhnen, wozu sie versuchen, das sogenannte Abraham-Abkommen zu erreichen, in dem Israel und die arabischen Staaten ihr Beziehungen wieder normalisieren. Der israelische Vernichtungskrieg hat diese Bemühungen aber erst einmal unterbrochen.
Israel möchte ebenfalls eine Vormacht im Nahen Osten werden und braucht dazu natürlich die wirtschaftliche und militärische Unterstützung des Westens, da das kleine Israel ohne westliche Waffen und westliches Geld gegen seine arabischen Nachbarn chancenlos wäre.
Außerdem besteht eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen Israel und den USA, denn einerseits wäre Israel ohne das Geld und die Waffen aus den USA nicht lebensfähig, andererseits gibt es in den USA eine starke Israel-Lobby, die dafür sorgt, dass in den USA kein Politiker “nach ganz oben” kommen kann, der nicht explizit pro-israelisch ist.
China
China will über seine Seidenstraßeninitiative transkontinentale Logistikkorridore aufbauen. Auch das ist Geopolitik, denn der Handel über die Weltmeere wird traditionell vom Westen kontrolliert, der (noch) die mächtigsten Marinestreitkräfte der Welt hat. Der Westen kann den Handel über die Weltmeere also jederzeit stören und sogar blockieren.
Das ist der Grund für Chinas Seidenstraße-Initiative: Es will eine Alternative zum Handel über die Weltmeere schaffen, indem es Logistikkorridore über den eurasischen Kontinent aufbaut. Dazu investiert China in Eisenbahnlinien, Autobahnen, Flughäfen und Häfen. Teile des Seidenstraße führen ans Schwarze Meer und in den Nahen Osten, von wo Waren dann über recht geringe Entfernungen zur See zu Häfen in Europa gebracht werden können, weshalb China (teilweise erfolgreich) versucht, sich in griechische und italienische Häfen einzukaufen. In Deutschland haben vor einiger Zeit übrigens die chinesischen Versuche, im Hamburger Hafen Frachtterminals zu kaufen, Schlagzeilen gemacht, was die Regierung dann verhindert hat.
Darin liegt in erster Linie Chinas Interesse im östlichen Mittelmeer (und auch in Europa): Partner zu finden, die in die Seidenstraße eingebunden sind.
USA
Die Interessen der USA östlichen Mittelmeer bestehen vor allem darin, die Region generell zu dominieren und im Besonderen den treuen Verbündeten Israel zu unterstützen und zu stärken. Die USA sehen Erdogans Ambitionen daher kritisch, denn letztlich fordert Erdogan die USA und ihre (früher) dominante Stellung im Nahen Osten heraus.
Die USA wollen nach der Ostsee auch das Mittelmeer zu einem “NATO-Binnenmeer” machen, was de facto fast gelungen ist, weil die afrikanischen Staaten den Flotten der NATO-Staaten kaum etwas entgegenzusetzen haben. Nicht umsonst haben die USA permanent eine Flugzeugträgergruppe im Mittelmeer stationiert.
Die russische Marinebasis in Syrien ist den USA seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge, weshalb die EU und die USA Druck auf die neue syrische Regierung ausüben, die russischen Streitkräfte aus dem Land zu werfen.
Der Hebel, über den die USA traditionell Geopolitik betreiben, sind Öl und Gas. Einer der Gründe für den Syrienkrieg war, dass der syrische Präsident Assad gegen den Bau eine Gaspipeline war, über die Katar Gas nach Europa pumpen wollte, um Russland auf dem europäischen Markt zu bekämpfen. Heute verkauft Katar sein Gas bekanntlich als Flüssiggas, weil aus dem Pipeline-Projekt nichts geworden ist.
Es war immer ein Interesse der USA, die Energielieferungen nach Europa zu kontrollieren und Europa abhängig von den USA und die europäischen Staaten zu den USA gegenüber treu ergebenen Staaten zu machen. Nur so können die USA sicher sein, dass die Europäer nicht eines Tages versuchen, der Kontrolle der USA zu entkommen, denn wenn die USA die europäische Wirtschaft über die (nicht-) Lieferung von Energieträgern jederzeit abwürgen können, hat Europa keine Chance, jemals so stark zu werden, dass es sich gegen den Willen der USA aus deren Kontrolle befreien kann.
Daher waren die USA seit Jahrzehnten aus drei Gründen gegen Lieferungen von russischem Gas und Öl nach Europa: Erstens wollten sie nicht, dass Russland daran Geld verdient, zweitens wollten sie damit auch verhindern, dass Russland und Europa wirtschaftlich zusammenwachsen, was eine existenzielle Bedrohung der US-Vormachtstellung über Europa gewesen wäre, und drittens wollten sie Europa über die Lieferungen von Energieträgern von sich abhängig machen.
Öl und Gas
Und genau aus diesem Grund ist das östliche Mittelmeer in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, denn erstens kann man dort Pipelines aus arabischen Ländern nach Europa bauen, und zweitens – und das ist fast noch wichtiger – wurden im östlichen Mittelmeer sehr große Gasvorkommen gefunden, die für die Kontrolle über Europa wichtig werden. Wer diese Gasfelder direkt oder indirekt kontrolliert, hat sehr viel Macht über den europäischen Gas- und Energiemarkt.
Israel, Ägypten, Griechenland und Zypern (zumindest der international anerkannte griechische Teil der Insel) sind weitgehend bereit, sich den USA in der Energiepolitik unterzuordnen. Sie sind im Grunde damit zufrieden, an den Gasfeldern Geld zu verdienen, indem sie das Gas über eine geplante Pipeline nach Europa liefern.
Die Türkei hat mehr politische Ambitionen und erhebt ebenfalls Ansprüche auf den Teil der Gasfelder im östlichen Mittelmeer, die zwischen der Türkei und Zypern liegen. Das hat immer wieder zu Streit und Zwischenfällen geführt, bei denen die Türkei sogar Kriegsschiffe geschickt hat, um ihre Forschungsschiffe, die die Gasfelder erkunden sollen, zu schützen, wie ich schon 2020 berichtet habe.
Die Energiepartnerschaft gegen die Türkei
2019 haben Ägypten, Zypern, Israel und Griechenland das East Mediterranean Gas Forum gegründet, dem kurz darauf auch Frankreich, Italien, Jordanien und Palästina beigetreten sind. Das Forum sollte die Gasfelder im östlichen Mittelmeer erschließen und das Gas dann über LNG-Tanker und die im Bau befindliche Eastern Mediterranean (EastMed) Pipeline nach Europa pumpen. Die USA und die EU haben in dem Forum formal Beobachterstatus.
Außerdem ist der Bau des EuroAsia (oder Great Sea) Interconnector Hochspannungs-Unterseekabels geplant, das von Italien ausgehend Israel (aber auch Kreta und Zypern) an das europäische Stromnetz anschließen soll.

Die Projekte wurden ganz offiziell mit dem Ziel gestartet, Russland vom europäischen Gasmarkt zu verdrängen und die Pipeline spielt eine wichtige Rolle in den Plänen der EU-Kommission, das russische Gas bis 2028 zu ersetzen. Ob die Pipeline bis dahin einsatzbereit ist, ist zwar nicht sicher, aber sie ist Teil der Pläne der EU gegen Russlands Öl und Gas.
Und noch eines haben die Projekte gemeinsam: Sie schließen die Türkei explizit aus, sie sind also auch gegen die Türkei gerichtet, was sicher eine der Erklärungen dafür ist, warum die Türkei trotz des Drucks der Trump-Regierung an Öl- und Gaslieferungen aus Russland festhält. Und natürlich hält die Türkei auch an der Pipeline Turk Stream fest, der letzten, die noch russisches Gas nach Europa pumpt.
Die EastMed-Pipeline ist dazu eine klare Konkurrenz, denn ihr Gas wird beim Transit aus Südosteuropa nach Mitteleuropa mit dem Gas aus Turk Stream konkurrieren.
Das Puzzleteil der Geopolitik
Für die USA ist all das nur ein Puzzleteil in ihrer geopolitischen Strategie. Ihnen ist vor allem wichtig, über diese Projekte einen weiteren Hebel zur Kontrolle Europas zu haben, aber ansonsten dürften sie sich weitgehend aus den Details heraushalten und die anderen beteiligten Länder das Geld verdienen lassen.
Der Artikel in The Cradle hat sehr schön erklärt, was das Interesse der USA ist, denn das geht weit über die Region östliches Mittelmeer hinaus. Die Region spielt nämlich eine zentrale Rolle in Washingtons Indo-Mittelmeer-Korridor, einer maritimen Route, die darauf ausgelegt ist, den chinesischen Einfluss über den Indischen Ozean, das Rote Meer und das Mittelmeer zu umgehen, was wiederum einer der Gründe dafür ist, weshalb China mit seinem Seidenstraßen-Projekt auf Landkorridore zwischen Asien und Europa setzt.
Der Indo-Mittelmeer-Korridor ist das Rückgrat einer umfassenden Eindämmungsstrategie, die sich auf I2U2 (das steht für Indien, Israel, UAE, USA) stützt, einen über die arabische Halbinsel verlaufenen Transportkorridor, der indische Waren am unsicheren Roten Meer vorbei über die arabische Halbinsel nach Israel und von dort über das Mittelmeer nach Europa bringen soll.

Indien, das mit Sorge beobachtet, wie Pakistan und die Türkei enger zusammenrücken, sieht in diesen Initiativen ein strategisches Gegengewicht. Hinzu kommt die Rivalität mit China, die Indien ebenfalls dazu tendieren lässt, den amerikanischen Indo-Mittelmeer-Korridor zu unterstützen.
China hingegen, dessen staatlicher Konzern COSCO bereits 67 Prozent des Hafens von Piräus kontrolliert, einem Schlüsselpunkt in Chinas europäischer Logistikkette, sieht in den Korridoren eine latente Bedrohung für seine Seidenstraßen-Initiative.
Daran sieht man, wenn man das große Bild betrachtet, dass es den USA im östlichen Mittelmeer weniger darum geht, am Gas Geld zu verdienen, sondern dass es den USA darum geht, die politische Kontrolle zu behalten, um Chinas Seidenstraßen-Initiative bekämpfen zu können und natürlich, um Europa in einer politischen Energieabhängigkeit von den USA zu halten.
Warum Gaza sterben musste
Wenn man all das weiß, wird auch der Krieg in Gaza verständlicher, denn ein Teil der Gasfelder liegt vor der Küste von Gaza. Wären die EastMed-Projekt mit Palästina als Partner umgesetzt worden, hätte der Gazastreifen an den vor seiner Küste liegenden Gasfeldern Schätzungen zufolge 600 Milliarden Dollar verdient. Dieses Geld wollte aber die israelische Regierung haben.
Sie hat daher schon Ende Oktober 2023, keine vier Wochen nach dem Kriegsausbruch in Gaza, begonnen, westlichen Konzernen Förderlizenzen für die Gasfelder auszustellen, die eigentlich den Palästinensern in Gaza gehören. Es ging bei dem Gazakrieg von Beginn an um eine ethnische Säuberung, weil Israel die Gasfelder wollte – und dazu musste es die Palästinenser in Gaza loswerden.
Aus Sicht der israelischen Regierung ist es bedauerlich, dass keine arabischen Länder bereit waren, die Palästinenser, die die israelische Regierung aus Gaza vertreiben wollte, aufzunehmen. Auch Trumps ursprünglicher Plan, die Palästinenser in andere Staaten der Region umzusiedeln und aus Gaza dann die „Riviera des Nahen Ostens“ zu machen, war der Versuch, die Palästinenser aus dem Gebiet zu vertreiben und Israel so die Kontrolle über die Gasfelder zu geben.
Aber kein Land der Welt hat dabei mitgespielt, und den Völkermord zu Ende zu bringen, wurde politisch unmöglich, denn der internationale und auch innenpolitische Druck auf die Regierungen des Westens wurde zu groß. Also musste der Plan geändert werden.
Trumps „Friedensplan“ als Lösung
Vor diesem Hintergrund wird auch Trumps aktueller “Friedensplan für Gaza” verständlich, den Text des Abkommens finden Sie in diesem Artikel. Punkt 9 des Abkommens beginnt wie folgt:
„Gaza wird unter der vorübergehenden Übergangsregierung eines technokratischen, unpolitischen palästinensischen Komitees regiert, das für die alltäglichen öffentlichen Dienste und die kommunalen Aufgaben der Bevölkerung in Gaza verantwortlich ist. Dieses Komitee setzt sich aus qualifizierten Palästinensern und internationalen Experten zusammen und wird von einem neuen internationalen Übergangsgremium, dem „Board of Peace“, beaufsichtigt. Präsident Donald J. Trump wird den Vorsitz führen.“
Trump hat sich in dem Friedensplan de facto zum Regierungschef von Gaza gemacht, er wird also selbst über die Gasfelder vor Gaza entscheiden.
Wie gesagt, den USA ist es wichtig, die Kontrolle über das EastMed-Projekt zu behalten, und wer Trumps Friedensplan liest, der stellt fest, dass er sich in dieses Bild exakt einfügt.
Fazit
In diesem Artikel konnte ich nur einen groben Überblick über die Thematik geben, aber ich hoffe, dass mein Artikel den Artikel aus The Cradle besser verständlich gemacht hat, da er zum Verständnis einiges an Vorwissen vorausgesetzt hat, über das nicht jeder verfügt.
Das Beispiel zeigt einmal mehr, wie in der Geopolitik alles mit allem zusammenhängt. Man könnte das Thema auch noch ausweiten, indem man sich die türkischen Versuche einbezieht, im Kaukasus und in Zentralasien, wo Turkvölker leben, seinen Einfluss zu stärken. Man könnte auch berücksichtigen, wie sich die Interessen des Iran oder Saudi-Arabiens in das Bild fügen, denn beispielsweise Saudi-Arabien ist zwar einerseits ein alter Verbündeter der USA und es ist Teil des Indo-Mittelmeer-Korridors, aber es hat gerade erst ein Militärbündnis mit Pakistan geschlossen, was Indien (und auch den USA) kaum gefallen haben dürfte.
In der Geopolitik hängt eben tatsächlich alles mit allem zusammen. Und wenn dabei ein kleines Volk, wie die Palästinenser, stört, wird es – wie ein Bauer auf dem Schachbrett – aus dem Spiel genommen. In der Realität bedeutet das zehn- oder hunderttausende Tote, aber leider interessiert das in der Geopolitik niemanden ernsthaft, denn es geht dabei eben leider nur um Macht.
Von all dem erfahren die Leser der westlichen Mainstream-Medien nichts, denen erzählt man stattdessen die Märchen von irgendwelchen Werten, um die es dem Westen angeblich geht.
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