Der Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) hat im Westen Schlagzeilen gemacht, wie wohl kein SOZ-Gipfel zuvor. Das kam nicht grundlos, denn die SOZ ist „erwachsen“ geworden und ihre Mitglieder wollen sich der Dominanz des Westens entziehen.

Westliche Medien präsentieren das als „Autokraten-Gipfel“ oder „Schurken-Gipfel“ (Bild), der sich aggressiv gegen den Westen richtet, dabei ist das Gegenteil der Fall. Die Maßnahmen sind defensiv, nicht aggressiv. Die Länder des globalen Südens haben es einfach satt, dass der Westen ihnen vorschreibt, wie sie zu leben haben und zu welchen Bedingungen sie dem Westen ihre Bodenschätze überlassen sollen. Sie wollen sich vor der Dominanz des Westens schützen, nicht sie angreifen.

Das hat ein Analyst der russischen Nachrichtenagentur TASS sehr gut erklärt, weshalb ich seinen Artikel übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Die i-Tüpfelchen auf dem SOZ-Gipfel: Wie man die Global Governance-Initiative verstehen muss

Igor Varlamov darüber, warum der Westen lernen sollte, richtig zuzuhören.

Die Ergebnisse des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) im chinesischen Tianjin wurden zum Diskussionsthema Nummer 1 für Medien und Thinktanks auf allen Kontinenten (außer vielleicht der eisigen Antarktis). Und in Westeuropa und den USA schenkten die „Haie der Feder und Analyse“ dem Treffen der Länder des globalen Südens so viel Aufmerksamkeit, dass manchmal sogar das Treffen des amerikanischen Präsidenten mit den Staats- und Regierungschefs der EU-Länder ignoriert wurde. Besonders beeindruckt waren die Westler von dem Foto, das um die Welt ging und auf dem der russische Präsident Wladimir Putin, der chinesische Vorsitzende Xi Jinping und der indische Premierminister Narendra Modi Händchen halten.

Das einflussreiche amerikanische Wall Street Journal wertete die Geste als „starkes Signal an den Westen“. Und man kann dieser Interpretation insofern zustimmen, als dass das Signal tatsächlich gesendet wurde. Doch der Westen konnte dieses Signal aufgrund seiner Engstirnigkeit und seines Exklusivitäts- und Überlegenheitswahns bisher nicht richtig interpretieren.

Unterschiedliche Wahrnehmung

Leider betrachten die Menschen im Westen die Ergebnisse des Tianjin-Forums fast ausschließlich durch das Prisma von Rivalität und Konfrontation, ohne gelernt zu haben, dem globalen Süden zuzuhören und ihn zu verstehen.

So ist Newsweek beispielsweise der Ansicht, dass „der SOZ-Gipfel die Einheit der Staats- und Regierungschefs Russlands, Chinas und Indiens im Kampf gegen die westliche Weltordnung demonstriert“ habe. Die kanadische Zeitung The Globe and Mail versucht, ihre Leser davon zu überzeugen, dass „der chinesische Präsident Xi Jinping die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit nutzt, um die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Weltordnung zu zerstören, in der dem Westen die führende Rolle gehörte“. Der finnische Präsident Alexander Stubb wiederum ist überzeugt, dass die SOZ versucht, „die Einheit“ der westlichen Länder zu untergraben. Und wen interessiert schon der kleine „NATO-Neuling“ Finnland, das seinen übereilten Beitritt zur NATO in seinen eigenen und den Augen anderer irgendwie rechtfertigen muss? US-Präsident Donald Trump, selbst beobachtet den Gipfel in Tianjin durch die Optik eines Militärfernglases. In einem Interview mit Radiomoderator Scott Jennings antwortete er auf die entsprechende Frage, er sei nicht besorgt über die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Ländern innerhalb der SOZ, da es keinen Grund zur Befürchtung gebe, da die USA über die „stärksten Streitkräfte“ der Welt verfügten.

Dabei ging es beim SOZ-Gipfel ging es nicht um Konfrontation mit dem Westen, sondern um etwas ganz anderes! Die in Tianjin versammelten Staats- und Regierungschefs von mehr als 20 Staaten und Vertreter von zehn internationalen Organisationen sprach überen aktuelle Fragen der Zusammenarbeit und Entwicklung und suchten konstruktiv nach Antworten auf die dringendsten wirtschaftlichen, politischen, ökologischen, kulturellen und technologischen Herausforderungen, denen sich die Menschheit in einer sich rasch verändernden Welt stellen muss. Die Länder des Globalen Südens schließen niemanden von diesem wichtigen Dialog aus. Mehr noch, sie bieten auf vielen Plattformen gleichzeitig eine verbindende Agenda. Auch im Namen der SOZ, die sich zu einem wichtigen Zentrum der entstehenden multipolaren Welt entwickelt hat und bereits auf Augenhöhe mit der westlichen Minderheit agiert.

Klare Worte

Wie Wladimir Putin in seiner Rede auf dem Gipfel betonte, ist die SOZ ein starker Motor für die Etablierung eines echten Multilateralismus in der Welt. Er stellte fest, dass die Mitgliedsländer im Jahr 2024 ein Wirtschaftswachstum von über 5 Prozent und eine Steigerung ihrer Industrieproduktion um 4,6 Prozent verzeichnen würden. Der russische Präsident schlug die Ausgabe gemeinsamer Anleihen, die Schaffung eines einheitlichen Zahlungs- und Abwicklungssystems sowie einer Bank für Investitionsprojekte vor, um die Volkswirtschaften vor „Schwankungen des externen Umfelds“ zu schützen und die Abhängigkeit von westlichen Finanzstrukturen zu verringern. Gleichzeitig skizzierte der russische Präsident ein breites Spektrum an Kooperationsmöglichkeiten in Bereichen wie Verkehr, Energie, Kultur und Bildung.

Der russische Präsident sprach auch Fragen der Sicherheit an. Allerdings nicht auf Kosten des Westens. Putin sprach von der Schaffung eines neuen Sicherheitsmodells in Eurasien als Ganzem, einer Alternative zu den überholten eurozentrischen und transatlantischen Ansätzen. Seiner Ansicht nach ist die SOZ in der Lage, die Interessen eines möglichst breiten Spektrums von Staaten zu berücksichtigen und die Praxis zu beenden, dass einige Länder ihre Sicherheit auf Kosten anderer stärken.

Diese Ideen spiegeln sich in der Rede des Gipfelgastgebers Xi Jinping wider. Er verwies auf den wachsenden wirtschaftlichen Einfluss der SOZ und stellte fest, dass das Volumen der Wirtschaft der Mitgliedsstaaten mittlerweile fast 30 Billionen Dollar beträgt. Laut dem Vorsitzenden der Volksrepublik China lehnt China gemeinsam mit anderen SOZ-Mitgliedsstaaten Unterdrückung und Blockkonfrontation ab und setzt sich für die Förderung des Freihandels ein. Wie Xi Jinping präzisierte, befürwortet Peking gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Organisation eine „gleichberechtigte und geordnete Internationalisierung der Welt, eine inklusive wirtschaftliche Globalisierung“.

Auf dem erweiterten Gipfeltreffen stellte der chinesische Staatschef eine von Putin (und einigen anderen) unterstützte Initiative zur globalen Governance vor. Er schlug vor, gemeinsam mit allen Ländern an der „Schaffung eines gerechteren und gleichberechtigteren Systems der globalen Governance“ sowie einer „Schicksalsgemeinschaft für die Menschheit“ zu arbeiten.

Der indische Premierminister Narendra Modi bezeichnete das Format der SOZ in seiner Rede als „eine hervorragende Gelegenheit, die Zusammenarbeit zwischen den Ländern auszubauen und zu vertiefen“. Er betonte zudem, dass der Terrorismus weiterhin eine ernste Herausforderung für die gesamte Menschheit darstelle und dass die SOZ im Kampf gegen diese Bedrohung Einigkeit zeigen müsse.

Natürlich konnten die Mitgliedsstaaten der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit die vom Westen begangenen Verbrechen nicht ignorieren. Die Erklärung von Tianjin verurteilt die US-amerikanischen und israelischen Angriffe auf den Iran, spricht sich für die Unzulässigkeit der Beschädigung nuklearer Infrastruktur in militärischen Konflikten aus, verurteilt Terrorismus und betont die Nicht-Akzeptanz von Doppelstandards im Kampf dagegen

Die Staats- und Regierungschefs der SOZ-Staaten bekundeten zudem ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei der Prävention von Sicherheitsrisiken im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz und zur Weiterentwicklung der Zusammenarbeit im militärischen Bereich. Sie sprachen sich auch für die strikte Einhaltung der Bestimmungen des Atomwaffensperrvertrages sowie für das Recht aller Staaten zur Regulierung des Internets und das souveräne Recht der Staaten, es im nationalen Bereich zu verwalten, aus.

Nicht nur für Auserwählte

Im Anschluss an den Gipfel wurden insgesamt 15 neue Kooperationsdokumente unterzeichnet. Doch keines davon spricht von der Notwendigkeit, den Westen zu „ärgern“. Die Ergebnisse des Forums in Tianjin zeigen deutlich, dass sich die Länder des globalen Südens nicht gegen den Westen, sondern im Interesse ihrer eigenen Entwicklung zusammenschließen und gleichzeitig offen für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit allen sind, einschließlich der berüchtigten „Goldenen Milliarde“.

Die deutliche thematische Erweiterung der Agenda der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (die 2001 in erster Linie als Plattform für regionale Zusammenarbeit im Kampf gegen Terrorismus und Extremismus gegründet wurde) spiegelt die anhaltende Neugestaltung der gesamten globalen Weltordnung wider. In diesem Zusammenhang erinnert der SOZ-Gipfel in Tianjin, der am 1. September endete, an den BRICS-Gipfel im Juli in Rio de Janeiro. Auch dort sprachen die Länder des globalen Südens ein breites Themenspektrum an und sprachen darüber, wie die Welt nicht nur multipolar – was sie bereits ist –, sondern auch fair und sicher gestaltet werden kann.

Für alle! Nicht nur für Auserwählte!

Und weder die SOZ noch die BRICS (und die Führer der globalen Mehrheit – Russland, Indien und China – sind in beiden vertreten) schlagen vor, „bei Null anzufangen“. In diesem Sinne sollten die bereits erwähnten chinesischen Vorschläge zur Reform der Global Governance verstanden werden. Die Chinesen schlagen vor, dies auf der Grundlage der Prinzipien der souveränen Gleichheit aller Länder, des Völkerrechts und der Wahrung der Autorität der UN zu tun. In diesem Sinne setzte Wladimir Putin ein Tüpfelchen auf das i, indem er auf dem SOZ-Gipfel betonte, dass die UN-Prinzipien bis heute wahr und unerschütterlich seien.

Bezeichnenderweise nahm UN-Generalsekretär Antonio Guterres, der heute die bedeutende Rolle des globalen Südens bei der Gestaltung einer friedlicheren, multilateralen und nachhaltigeren Zukunft ausdrücklich anerkennt, sowohl am SOZ- als auch am BRICS-Gipfel teil.

Der gesamte Westen wird das anerkennen müssen. Genauso wie er lernen muss, der erstarkten Stimme des globalen Südens zuzuhören. Und die Signale richtig zu deuten. Ohne dies ist es schlicht unmöglich, jene gemeinsame, unteilbare und gleichberechtigte Sicherheit aufzubauen, an deren Notwendigkeit die SOZ-Länder immer wieder erinnern.

Ende der Übersetzung