In den letzten 30 Jahren ist der Westen außenpolitisch mit immer größerer Arroganz aufgetreten. Die Länder Asiens und Afrikas sollten sich dem westlichen politischen und wirtschaftlichen System unterwerfen, ihre Traditionen vergessen, die „Werte“ des Westens übernehmen und dem Westen ungehinderten Zugang zu ihren Absatzmärkten und Rohstoffen gewähren. Länder, die sich weigerten, wurde die Störung des freien Handels vorgeworfen und sie wurden sanktioniert . Oder sie wurden vom Westen (oder seinen Handlangern in Person aus dem Westen bewaffneter Islamisten) in Grund und Boden gebombt, wie Libyen oder Syrien.

Es war daher nicht verwunderlich, dass in den letzten Jahren immer mehr Länder des globalen Südens offen oder nicht so offen nach einem Ausweg und beispielsweise Alternativen zum Handel in Dollar und Euro gesucht haben, weil der Westen seine Währungen längst zu Waffen im Sanktionskrieg gemacht hat.

Der russische Präsident Putin hat das schon 2018 bei einer Podiumsdiskussion treffend formuliert, als er gefragt wurde, wie Russland sich aus dem Dollar zurückziehen will. Seine Antwort an die Adresse der USA war:

„Wir wollen uns nicht aus dem Dollar zurückziehen, der Dollar zieht sich von uns zurück. Die, die diese Maßnahmen ergreifen, schießen sich nicht bloß ins Knie, sondern etwas höher.“

Heute, sieben Jahre später, ist das Realität. Russland handelt, auch dank der Sanktionen, praktisch gar nicht mehr in Dollar oder Euro, und auch viele andere Länder, wie die Mitglieder der BRICS, handeln, zumindest untereinander, mehrheitlich nicht mehr in westlichen Währungen, sondern in ihren Landeswährungen.

Und auch politisch hat der globale Süden Mut gefasst, als Russlands Beispiel, das den massiven Sanktionen des Westens praktisch problemlos widerstehen konnte, der nicht-westlichen Welt gezeigt, dass die Zeit der Allmacht des US-geführten Westens vorbei ist.

Der Westen hat darauf jedoch nach dem einzigen Muster geantwortet, das er nach 30 Jahren arroganter und aggressiver Außenpolitik noch kennt: Mit Sanktionen oder Sanktionsdrohungen und mit arroganten Zurechtweisungen. Das hat in der nicht-westlichen Welt den Prozess der Abwendung vom Westen sogar noch beschleunigt.

Die Reaktionen auf den SOZ-Gipfel

Der Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), der vor einigen Tagen stattfand, stellte vielleicht den Kipppunkt dar. Zumindest deuten die Reaktionen des Westens in diese Richtung, der die SOZ-Gipfel bisher weitgehend ignoriert hat. Auf diesem Gipfel haben die SOZ-Staaten ihre eigenen Prioritäten für die nächsten zehn Jahre beschlossen und der Westen spielt dabei keinerlei Rolle. Die Ukraine, im Westen seit langen Thema Nummer 1, wurde in der Abschlusserklärung des SOZ-Gipfels beispielsweise nicht einmal erwähnt. Die Agenda des Westens interessiert den Rest der Welt nicht mehr.

Auch die Reaktionen aus dem Westen zeigten, dass man verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat. Der finnische Präsident kommentierte den Gipfel beispielsweise so:

„Meine Botschaft, nicht nur an meine europäischen Kollegen, sondern insbesondere auch an die USA, lautet: Wenn wir keine einheitlichere und angemessenere Außenpolitik verfolgen, insbesondere gegenüber den Ländern des globalen Südens wie Indien, werden wir verlieren. Daher denke ich, dass dieses Treffen in China dem gesamten globalen Westen eine gute Erinnerung daran ist, was auf dem Spiel steht.“

Und EU-Chefdiplomatin Kallas sagte:

„Dass der chinesische Präsident neben den Staatschefs Russlands, des Irans und Nordkoreas in Peking steht, ist nicht nur antiwestlich. Es ist eine direkte Herausforderung für die regelbasierte internationale Ordnung.“

Das hat sie richtig erkannt, denn der SOZ-Gipfel hatte eine zentrale Aussage: Die Welt muss sich wieder an das Völkerrecht und die UNO-Charta halten, also de facto Widerstand gegen die “regelbasierte Weltordnung” leisten, die die USA erfunden haben und deren “Regeln” die USA im Alleingang festlegen und je nach Lage eigenständig ändern, aber allen anderen Ländern aufzwingen wollen. Genau das will der globale Süden nicht mehr mitmachen.

Und US-Präsident Trump setzte einen sehr emotionalen Post ab, der zeigte, wie sehr es ihn offenbar getroffen hat, dass er nicht zu dem Treffen, bei dem die neuen Großmächte Russland, China und Russland ihre Zusammenarbeit abgestimmt haben, eingeladen war.

Trumps vielleicht entscheidende Fehler

Den vielleicht entscheidenden Fehler, der das Unvermeidbare nun beschleunigt hat, hat jedoch Trump gemacht, als gegen Indien Strafzölle verhängt hat, weil Indien weiterhin russisches Öl kauft. Indien ist stolz auf seine Unabhängigkeit und Neutralität. Daher hat es die Zölle demonstrativ ignoriert und der indische Verteidigungsminister hat eine USA-Reise abgesagt, bei der neue Waffenverkäufe an Indien besiegelt werden sollten, denn die USA wollen schon lange Waffenlieferant von Indien werden, und so weiter.

Indien und China verbindet eine alte Rivalität und auch Grenzstreitigkeiten stören deren Beziehungen. Noch vor kurzem gab es zwischen deren Streitkräften sogar bewaffnete Scharmützel mit Toten an deren gemeinsamer Grenze.

Vor dem Hintergrund der Politik von Trump haben Indien und China nun im Rekordtempo zusammengefunden. Schon das Beispiel von Russland und China, die noch vor 20 Jahren sehr schlechte Beziehungen hatten, hat gezeigt, dass nichts zwei Länder besser zusammenschweißt, als ein gemeinsamer Feind. Trump hat diesen Fehler der USA wiederholt und Indien direkt in die Arme Chinas getrieben ,und die beiden Länder tauschen plötzlich ständig neue Nettigkeiten aus. Präsident Xi und Premierminister Modi haben sich beim SOZ-Gipfel geherzt und zusammen gelacht – Bilder, die noch vor Wochen undenkbar gewesen wären.

Wie gesagt ist der Widerstand des globalen Südens gegen den Westen nicht Trumps „Verdienst“, der Grund liegt in der westlichen Politik der letzten Jahrzehnte. Aber Trump hat den Prozess entscheidend beschleunigt, indem er Indien und China dazu gezwungen hat, zusammenzurücken und im Eiltempo die gegenseitige Verärgerung zu vergessen.

Sogar der Spiegel…

Sogar der Spiegel, der sich sonst immer dadurch auszeichnet, alle Probleme des Westens zu negieren und schön zu reden, hat in einem Leitartikel mit der Überschrift „Neue Weltordnung – Xi und Putin haben die bessere Erzählung“ plötzlich eingestanden, was ich schon seit Jahren schreibe: Der Lebensstandard im Westen ist nicht mehr herausragend, der Westen, seine Politik und „Werte“ sind für den Rest der Welt kein erstrebenswertes Ziel mehr. So schreibt der Spiegel beispielsweise:

„Gleichzeitig verblasst heute, wofür weite Teile der Welt einst zum Westen aufschauten. Mit seinem Ruf als wirtschaftlich überlegenem System geht es schon seit der Weltfinanzkrise bergab. Als politische Blaupause haben die polarisierten, vom Streit gelähmten Demokratien an Glanz eingebüßt. Was an moralischer Kraft nach dem US-geführten Irakkrieg noch übrig war, macht derzeit Israels Verwüstung Gazas zunichte.“

Das sind ganz neue Töne. Schon seit der Finanzkrise gilt das westliche System nicht mehr weltweit als erstrebenswertes Vorbild. Das oligarchische System des Westens, in dem die Banken die Welt durch ihre Spekulationen mit riesigen Gewinnen ungestraft an den Rand des Abgrunds bringen konnten, ist unvergessen. Die Banken haben die Gewinne kassiert und die Verluste haben die kleinen Leute über ihre Steuern bezahlt.

Das ist für den Rest der Welt kein erstrebenswertes System, wenn einige Superreiche und Konzerne de facto die Macht übernommen haben und sich ungestraft auf Kosten der Allgemeinheit bereichern dürfen.

Der Spiegel formuliert es nicht so deutlich, wie ich, aber das bedeuten die Worte des Spiegel im Klartext.

Die westliche Arroganz

Genauso überraschend ist, dass der Spiegel sich plötzlich an den Irakkrieg von vor über 20 Jahren erinnert, den der Spiegel damals propagandistisch mit aller Kraft befeuert hat. Auch dieser illegale Krieg ist im Rest der Welt nicht gut angekommen, denn er war nichts anderes, als das Faustrecht des Stärkeren: Die US-Konzerne wollten die irakischen Ölquellen bekommen und die US-Armee hat sie für sie geholt, wofür extra die Lüge der irakischen Massenvernichtungswaffen erfunden wurde. Der Rest der Welt hat das nicht vergessen.

Und dass der Spiegel die westlichen Staaten als „polarisiert“ bezeichnet, ist ebenfalls eine interessante Aussage, denn die Polarisierung wurde von Medien wie dem Spiegel ja bewusst herbeigeführt. Im Westen wird seit Jahren mit „Teile und Herrsche“ regiert, indem die Gesellschaft immer mehr fragmentiert wird. Politik und Medien befeuern die Streitereien zwischen Frauen und Männer (radikaler Feminismus), zwischen Homo und Hetero (Genderwahn und LGBT-Gaga), Migranten und Einheimischen, „Links und Rechts“ und so weiter.

Nachdem im Westen seit Jahrzehnten die individuelle Freiheit propagiert wurde, nach der jeder tun und lassen kann, was er will (auch, wenn es andere beleidigt) und dass der Fokus dabei immer auf das Trennende gelegt wurde, hat die Gesellschaften des Westens tief gespalten, radikalisiert und polarisiert.

Dass ausgerechnet der Spiegel, der das so sehr gefördert und gepusht hat, das nun beklagt, zeigt, dass die Spiegel-Redaktion das eigentliche Problem anscheinend immer noch nicht verstanden hat. Aber auch wenn der Spiegel nicht erkannt hat, wo das Problem tatsächlich liegt, hat er immerhin erkannt, dass es das Problem gibt und dass der Rest der Welt angewidert wegschaut, als beispielsweise die Olympiade in Paris eröffnet wurde.

Der Westen ist nicht mehr Vorbild

Weiter schreibt der Spiegel:

„Der Westen ist nicht mehr das Vorbild, als das er sich gern sieht. Arabische und asiatische Mittelschichten erkennen in Europa ein pittoreskes Urlaubsziel, aber sicher nicht das Maß aller Dinge. In Afrika und Lateinamerika können sie es nicht mehr hören, wenn der Westen von Menschenrechten redet, während an seinen Grenzen Migranten umkommen. Die Welt ist genervt davon, dass Europäer und Nordamerikaner sich im 21. Jahrhundert immer noch für irgendwie zivilisatorisch überlegen halten, auf einer Vorrangstellung beharrend wie auf einem Erbhof, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass sich die Gewichte verschoben haben.“

Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, nur formuliert der Spiegel es noch sehr zurückhaltend. Europa war früher auch für die Mittelschicht anderer Länder der Traum, wo man leben wollte. Heute ist Europa für den Rest der Welt nur noch ein exotisches Urlaubsziel – die vollkommen verarmten oder von Kriegen entwurzelten Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika ausgenommen.

Doppelmoral und Neokolonialismus

Die Doppelmoral des Westens bei den Menschenrechten hat übrigens andere Gründe als ertrinkende Flüchtlinge, die der Spiegel aber nicht nennen will. Oder wie war das mit Guantanamo? Wie war das mit Assange oder Edward Snowden? Wie ist das mit der Meinungsfreiheit, die Europa unter dem Kampfbegriff Hatespeech immer mehr beschneidet? Wie war das mit den Kriegen in Jugoslawien, Afghanistan, Libyen, Syrien und so weiter? Im globalen Süden ist all das nicht vergessen.

Und für die verharmlosende Formulierung im Spiegel, die Welt sei “genervt”, weil „Europäer und Nordamerikaner sich im 21. Jahrhundert immer noch für irgendwie zivilisatorisch überlegen halten, auf einer Vorrangstellung beharrend wie auf einem Erbhof“, gibt es einen Fachbegriffe, die der Spiegel aber natürlich nicht nennt: Neokolonialismus und Rassismus.

Russland und China stellen sich all dem entgegen und bieten der Welt ein anderes Model an: Gleichberechtigung der Staaten, keine einseitigen Sanktionen, Handelsverträge auf Augenhöhe anstatt Ausbeutung, und so weiter. Natürlich wird das im Rest der Welt gerne angenommen.

Aber so deutlich will der Spiegel seinen Lesern das dann auch wieder nicht sagen.

Der Westen kann keine Diplomatie mehr

Russland und China können sich entspannt zurücklehnen, denn der Westen hat verlernt, was Diplomatie bedeutet. Die westlichen „Diplomaten“ werden weiterhin mit erhobenem Zeigefinger herumlaufen und alle Länder von oben herab belehren, denn zu tief sitzt im Westen der Glaube an die eigene Überlegenheit und Unfehlbarkeit. Man denke nur an die „feministische Außenpolitik“ von Baerbock, über die die ganze Welt – und vor allem die Araber, die der Westen so dringend gegen Russland brauchte – gelacht hat. Oder an Nacny Faser, die bei der Fußball-WM in Katar demonstrativ die LGBT-Armbinde angelegt und die Gastgeber , von denen Habeck gerade gute Konditionen beim Verkauf von Flüssiggas bekommen wollte, verärgert hat. Das mit dem Gas ist dann ja auch nichts geworden.

Der Westen – und vor allen die EU – wird mit sowas weitermachen, weil sie keine Politiker mehr haben, die noch Ahnung von ihrem Job haben, sondern nur noch Politiker, die Floskeln auswendig gelernt haben und ideologisch vollkommen radikalisiert sind. Das wird den laufenden Prozess des Machtverlustes des Westens nur weiter beschleunigen.

Diplomaten werden im Westen ja nicht mehr in Diplomatie ausgebildet, sondern in Ideologie. Wenn beispielsweise Russland Diplomaten in andere Länder schickt, dann haben die ihr Geschäft in der Uni des russischen Außenministeriums gelernt, sie können die Sprache ihres Gastlandes und kennen sich dort aus. Im Westen ist das Kriterium für Diplomaten ein anderes: Sie müssen auf Linie sein, viel mehr müssen sie nicht können.

Der russische Botschafter in Deutschland ist Germanist und hat sein ganzes, fast 50 jähriges Berufsleben in oder mit Deutschland gearbeitet.

Deutsche Diplomaten hingegen müssen ihr Gastland nach spätestens fünf Jahren verlassen, wenn sie gerade begonnen haben, es ein wenig zu verstehen, und werden in ein anderes Land geschickt. Und das größte Problem des deutschen Außenministeriums war es laut Baerbock, die Frauenquote unter den Diplomatenanwärtern zu erhöhen, wozu die Zulassungskriterien immer weiter gesenkt werden müssen, um genug weibliche Bewerber zu finden. Das liegt nicht daran, dass Frauen schlechte Diplomaten wären, im Gegenteil, sondern es liegt einfach daran, dass es nicht so viele Frauen gibt, die einen Job wollen, bei dem sie ihr Leben lang alle fünf Jahre in einem neuen Land sozial von vorne anfangen und einen neuen Freundeskreis aufbauen müssen.

Diese Probleme betreffen nicht nur Deutschland, sondern alle Länder des Westens. Daher können Russland und China sich entspannt zurücklehnen, denn selbst wenn der Westen das Problem morgen begreifen und etwas ändern wollen würde, würde es Jahre dauern, die dafür nötigen Diplomaten auszubilden.