Sonntags übersetze auf dem Anti-Spiegel immer Beiträge aus dem russischen Nachrichtenrückblick, der auch als wichtigste russische Propaganda-Show der Woche bezeichnet wird. Aber gerade deshalb übersetze ich daraus für mein deutsches Publikum, um den Deutschen zu zeigen, wie in Russland berichtet wird und welche Positionen das offizielle Russland vertritt.

Gestern war das wichtigste Thema der Sendung ein langer Beitrag über die Diskussion über den Einsatz von Atomwaffen, den der russische Experte Sergej Karaganow angestoßen hat. Der Kern der These ist, dass der Westen die Spannungen in der Ukraine in sehr kleinen Schritten immer weiter erhöht. Von der Lieferung von Schutzwesten im März 2022 bis hin zu Panzern und Kampfjets heute. Hinzu kommen Angriffe mit westlichen Raketen auf das russische Hinterland.

Der Frosch im Topf und die roten Linien

Keiner dieser Schritte ist für sich genommen eine harte Reaktion Russlands gegen die NATO wert, aber zusammengenommen verhält sich der US-geführte Westen so, wie man es aus der Geschichte mit dem Frosch kennt, der in einem Topf sitzt, dessen Wassertemperatur langsam erhöht wird und der Frosch gar nicht bemerkt, dass er gekocht wird.

Daher, so der russische Experte, sollte Russland zeigen, dass der Westen zu weit geht und seine Eskalationen einstellen sollte. Russland müsse das tun, um zu verhindern, dass sich die Geschichte bis zu einem globalen Atomkrieg aufschaukelt. Dazu sollte Russland notfalls als letzte Warnung sogar bereit sein, eine taktische Atomwaffe gegen Polen einzusetzen, um zu zeigen, dass für Russland die Grenze Ertragbaren erreicht ist.

Das Thema war das wichtigste der Sendung, was ich daran festmache, dass der Beitrag der längste war, den ich in der Sendung je gesehen habe – er dauerte fast eine halbe Stunde.

Die deutliche Warnung an die USA wird wiederholt

In der Einleitung zu meinem Artikel mit der deutschen Übersetzung des russischen Beitrages habe ich darauf hingewiesen, dass die Supermächte ihre staatlichen Nachrichtensender in der Vergangenheit genutzt haben, um der Gegenseite Signale zu senden. Am bekanntesten ist das Beispiel aus 1983, als die Sowjetunion aufgrund der Provokationen der USA von einem bevorstehenden Atomschlag der USA ausging und sowjetische Kampfflugzeuge mit laufenden Motoren und einsatzbereiten Atomwaffen auf den Flugplätzen der DDR standen.

Damals hat das US-Fernsehen als Signal live aus Kalifornien berichtet, wo US-Präsident Reagan demonstrativ und in aller Ruhe auf seiner Ranch ausgeritten ist, um zu zeigen, dass die USA nichts dergleichen planen. Das war ein Signal an die Sowjetunion und es hat sein Ziel erreicht und Moskau beruhigt.

Die gestrige Sendung aus dem russischen Fernsehen habe ich sofort als Signal an die USA und die NATO angesehen, die Eskalation nicht weiterzutreiben. Und nun passiert etwas, dass das bestätigt. Ich habe es noch nie erlebt, dass russische Fernsehen komplette Beiträge aus der Sendung an folgenden Tagen wiederholt. Aber dieser Beitrag über den Einsatz russischer Atomwaffen gegen Polen und andere europäische Länder wird am Montagmittag auf Rossija 24 erneut ausgestrahlt, während ich diese Zeilen schreibe.

Wenn man bedenkt, dass Kiew eine Provokation am AKW Saparoschje plant, dann macht das Sinn: Russland zeigt dem Westen, dass eine solche Provokation Kiews, die zu einem schweren Unfall in dem AKW führt, für Russland ein Grund sein könnte, nuklear auf diese nukleare Provokation zu reagieren.

Übrigens hat der Sender unmittelbar nach der wiederholten Ausstrahlung des Beitrages sofort einen Beitrag über die Sicherheitslage in dem AKW und die Folgen eines möglichen Vorfalls im AKW gezeigt und die Folgen eines solchen Vorfalls erklärt, der große Teile Russlands radioaktiv verseuchen würde.

Das zeigt in meinen Augen, dass Russland den USA und der NATO gerade das deutliche Signal sendet, dass Russland einen Vorfall beim AKW als nuklearen Angriff des Westens werten und entsprechend reagieren würde.