Ist Putin ein Young Global Leader des Weltwirtschaftsforums von Klaus Schwab?
Derzeit geht ein Video viral, in dem Klaus Schwab, der Chef des Weltwirtschaftsforums erzählt, Putin sei ein Young Global Leader gewesen. Was ist davon zu halten?
Wichtige Anmerkung:
Nach der Veröffentlichung haben Leser mir Informationen geschickt, die mir beim Verfassen dieses Artikels nicht bekannt waren. Ich habe dazu – wie beim Anti-Spiegel üblich – einen neuen Artikel beschrieben und diesen ursprünglichen Artikel nicht verändert. So gehe ich aus Gründen der Transparenz immer vor: Einmal veröffentlichte Artikel werden nicht verändert, sondern im Falle neuer Informationen oder auch von Fehlern, die mir unterlaufen sind, durch entsprechende Hinweise ergänzt. Lesen Sie daher nach diesem Artikel unbedingt auch den neuen Artikel zu dem Thema, den Sie hier finden.
Es ist immer wieder faszinierend, wenn alte Videos plötzlich viral gehen und Aufsehen erregen. So ist es auch mit einem Video, dass derzeit vor allem bei Telegram viral geht und das mir inzwischen fast täglich von Lesern zugeschickt wird (das Video verlinke ich am Ende des Artikels). In dem Video spricht der Chef des Weltwirtschaftsforums (WEF) Klaus Schwab mit Carlos Alvarado Quesada, dem Präsidenten von Costa Rica. In dem Video sagt Klaus Schwab – so versteht man es als Zuschauer -, dass der russische Präsident Putin das Global Young Leader des WEF von Klaus Schwab durlaufen hat. Ob das so ist, werden wir uns nun anschauen.
Das Video gehört zum Bonusmaterial einer Phoenix-Doku über Klaus Schwab. Die Doku selbst trägt den Titel „Das Forum – Rettet Davos die Welt?“ und ist eine Jubeldoku über Klaus Schwab und sein Weltwirtschaftsforum. Die Doku und das Bonusmaterial sind von 2019, es ist also schon ziemlich kalter Kaffee und nicht etwa eine neue Meldung.
Die Young Global Leaders
Klaus Schwab hat die Young Global Leaders im Jahre 2004 gegründet. Die offizielle Lesart ist, dass dort jedes Jahr etwa hundert junge Führungskräfte aus den verschiedensten Sparten und Disziplinen aus allen Teilen der Welt eingeladen und sechs Jahre lang gefördert werden. De facto ist das Programm Young Global Leaders also eine Kaderschmiede, in der Klaus Schwab vielversprechende Nachwuchskräfte auf seine Ziele einschwört und in sein Netzwerk aufnimmt.
Das ist für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation, denn wer zu den Young Global Leaders gehört, muss sich schon sehr dumm anstellen, wenn er danach in seinem Fachgebiet keine steile Karriere macht. Das Netzwerk hilft dabei und öffnet Türen. Und auch Klaus Schwab gewinnt dabei, denn wenn Staatspräsidenten und Wirtschaftslenker ihm ihre Karriere (mit) verdanken, dann stehen sie in seiner Schuld und werden seine Ideen fördern.
Eines der Aufnahmekriterien der Young Global Leaders ist es, dass die Nachwuchskräfte bei der Aufnahme nicht über 40 Jahre alt sein dürfen. Wladimir Putin ist 1952 geboren, er war bei der Gründung der Young Global Leaders 2004 also schon 52 Jahre alt. Außerdem war er zu dem Zeitpunkt schon russischer Präsident, den man (auch wenn man ihm trotz seines Alters ausnahmsweise eine Aufnahme in den Klub angeboten hätte) wohl kaum damit locken konnte, in dem Kindergarten von Klaus Schwab Kontakte zu knüpfen. Kontakte hatte Putin als russischer Präsident auch ohne Klaus Schwab 2004 schon reichlich und Zeit, an Veranstaltungen der Young Global Leaders teilzunehmen, hatte er als russischer Präsident wohl eher nicht.
Hinzu kommt, dass die Young Global Leaders ein (Karriere-)Netzwerk sind und ein Kennzeichen eines solche Netzwerkes ist es, dass man stolz auf seine „Ehemaligen“ und ihre Erfolge ist. Man veröffentlicht die Teilnehmer und rühmt sich später mit ihren Erfolgen. Auch die Seite der Young Global Leaders veröffentlicht die Namen ihrer Mitglieder. Dort kann man viele mächtige Menschen finden, zum Beispiel den französischen Präsidenten Macron oder Gesundheitsminister Spahn oder das Grüne „Allroundtalent“ Baerbock. Wen man da aber nicht findet, ist Putin.
Und übrigens findet man dort auch Merkel nicht, obwohl Schwab sie in dem Video ebenfalls erwähnt. Für Merkel gilt das Gleiche wie für Putin: Sie war 2004 schon zu alt, um aufgenommen zu werden, denn sie war damals auch schon 50 Jahre alt.
Die Sache mit dem Weltbild
Aber das hindert diejenigen, die dieses Video von Schwab verbreiten und überall erzählen, Putin wäre ein Global Young Leader von Schwab gewesen, nicht daran, an dieser These festzuhalten. Wenn man danach fragt, wie das denn sein könnte, wird darauf verwiesen, es könnte ja ein Vorgängerprogramm der Young Global Leaders gegeben haben. Das klingt gut, aber ich habe bisher noch keine Hinweise darauf gefunden, dass es das gegeben hätte, geschweige denn, Informationen darüber, was dort getan wurde oder wer dabei gewesen ist. An dieser Stelle fordere ich daher alle auf, mich zu korrigieren, wenn ich falsch liegen sollte: Nennen Sie mir bitte mit Quellen den Namen der Organisation, ihre Mitgliederliste und den Inhalt des Vorgängerprogramms der Young Global Leaders.
Es ist nun einmal so, dass ich mich auf Fakten verlasse und nicht auf Aussagen, die noch dazu aus dem Zusammenhang gerissen sind oder unwahr sein können. Das kurze Video mit der Aussage von Klaus Schwab ist geschnitten und man kann nicht das ganze Gespräch zwischen dem Präsidenten Costa Ricas und Schwab sehen, um zu verstehen, was in welchem Zusammenhang gesagt wurde.
„Die Vierte Industrielle Revolution“
In dem Video werden Fragmente eines Gesprächs zwischen Schwab und dem Präsidenten Costa Ricas gezeigt. Sie unterhielten sich 2019 über die Initiative „Die Vierte Industrielle Revolution“ von Klaus Schwab. Im Zusammenhang mit meinem aktuellen Buchprojekt habe ich mich mit dieser Initiative beschäftigt und sie ist ziemlich gruselig. Im Zuge der Corona-Pandemie hat Klaus Schwab sie etwas aktualisiert und in „The Great Reset“ umbenannt.
Der „Great Reset“ ist die „Die Vierte Industrielle Revolution“. Und wer sich mit Putins Aussagen zu dem beschäftigt hat, was Schwab da propagiert und anstrebt, der stellt fest, dass Putin exakt für das Gegenteil von dem steht, was Schwab als erstrebenswert erachtet.
Kurz gesagt geht es Schwab um folgendes: Er will die Macht der Staaten schwächen und die Macht der Konzerne stärken. Er redet davon, dass eine „öffentlich-private UNO“ geschaffen werden müsste, in der de facto nicht die Staaten, sondern die Konzerne das Sagen haben. Schwab ist nämlich der Meinung, dass die Konzerne viel effektiver sind als die Staaten und daher die Welt anführen und die Entscheidungen treffen sollten.
Dass die Konzerne sich aber nur für ihre Gewinne und nicht etwa für das Schicksal der Menschen oder der Umwelt interessieren, wird dabei geflissentlich übersehen. Eine Welt, wie sie Klaus Schwab in seiner „Vierten Industriellen Revolution“ vorschwebt wäre also ziemlich gruselig. Und sie wäre übrigens das Gegenteil von demokratisch.
Die Machtfrage
Putin geht seit seinem Amtsantritt im Jahre 2000 aber genau gegen das vor, was Schwab erreichen möchte. In Russland unter Jelzin war das, was Schwab als Ideal für die Welt vorschwebt, schon Realität: Die Macht in Russland hatten de facto die Oligarchen, also die Konzerne. Putin hat die Oligarchen nach seinem Amtsantritt entmachtet und den Staat gestärkt, er hat dem Treiben also ein Ende gesetzt. Und seitdem predigt Putin bei jeder Gelegenheit, dass die Macht vom Staat und nicht etwa von der Wirtschaft ausgehen soll. Die Wirtschaft, so Putin, soll Geld verdienen, sich aber aus der Politik und aus politischen Entscheidungen heraushalten.
Das ist das exakte Gegenteil von dem, was Schwab vorschwebt. Und bei Putin sind das nicht etwa leere Worte, er setzt das auch in der Praxis um. Das ist in meinen Augen der Grund dafür, dass er im Westen so schlechte Presse hat: Er hat die Macht der Konzerne in Russland beschnitten, was auch westliche Konzerne betroffen hat, die unter Jelzin in Russland auch weitgehend machen konnten, was sie wollten.
Und das ist in meinen Augen auch der Grund, warum China im Westen zum Feind erklärt wird, denn auch die chinesische Regierung ist der Meinung, dass sich die Konzerne aus der Politik herauszuhalten haben. Das ist das exakte Gegenteil von dem, wie es im Westen läuft, wo sich die Konzerne und Milliardäre über ihre Stiftungen in die Politik einmischen und über ihre Lobbyisten sogar Gesetze nach eigenen Wünschen schaffen können.
Das wird von der westlichen Presse als positiv dargestellt. Kein Wunder, die großen Medien profitieren selbst von dem System, denn sie sind ja selbst in der Hand von Stiftungen und mischen fleißig in der Politik mit, siehe Bertelsmann-Stiftung, Axel-Springer-Stiftung und so weiter.
Wie dieses System funktioniert, habe ich in meinem Buch „Abhängig beschäftigt“ ausführlich erklärt und in meinem aktuellen Buchprojekt über die Netzwerke hinter der Pandemie kommt mir dieses Wissen sehr zu Gute, denn es bestätigt sich mit ungezählten Beispielen alles, was ich in „Abhängig beschäftigt“ bereits herausgearbeitet habe. Sollten Sie noch nicht mitbekommen haben, worum es bei dem Buchprojekt geht, lesen Sie zunächst diesen Artikel und dann diesen Artikel, die Reihenfolge ist wichtig, weil sie aufeinander aufbauen.
Was in dem Video zu sehen ist
In dem Video spricht Schwab mit dem Präsidenten Costa Ricas und sie loben die „Vierte Industrielle Revolution“ über den grünen Klee. Dabei sagt der Präsident Costa Ricas, dass er gerne etwas zu all dem beitragen möchte. Danach ist ein Schnitt zu sehen und Schwab sagt auf Englisch etwas, das Phoenix in den Untertiteln wie folgt übersetzt hat:
„Frau Merkel, Tony Blair, sie alle waren… selbst Präsident Putin, sie alle waren mal ‚Young Global Leaders‘!“
Bei dieser Übersetzung gibt es zwei Probleme. Erstens wissen wir nicht, was da rausgeschnitten wurde und ob das alles wirklich in dem Kontext gesagt wurde, den das Video suggeriert. Zweitens ist nicht klar, ob Schwab dabei wirklich sein Programm „Young Global Leaders“ gemeint hat, oder ob er von „jungen globalen Führungspersonen“ gesprochen hat. Auf Englisch ist das das Gleiche, Schwab muss mit der Aussage also nicht sein Programm gemeint haben, sondern könnte schlicht davon gesprochen haben, dass diese Personen alle jung in weltweit führende Positionen gekommen sind.
Dass er das so gemeint haben könnte, zeigt der darauf folgende Satz in dem Video, in dem Schwab laut den Untertiteln von Phoenix sagt:
„Mit Ihnen, Kanzler Kurz und der neuseeländischen Premierministerin sind die drei jüngsten Führungspersonen von Regierungen hier!“
In der Tat waren sowohl der Präsident Costa Ricas als auch die neuseeländische Premierministerin Ardern Mitglieder des Young Global Leaders Programmes von Schwab, aber der damalige österreichische Kanzler Kurz war nicht dabei.
Fazit
Sollte ich übersehen haben, dass es in Vorgängerprogramm der Young Global Leaders von Schwab gegeben hat, an dem auch Putin teilgenommen hat, werde ich das richtigstellen, aber nach allem, was ich dazu herausfinden konnte, war Putin nicht in Schwabs Eliteschule und auch nicht in seinen Netzwerken. Ob Phoenix das Video so geschnitten hat, dass die Aussage von Schwab missverstanden werden kann, oder was Schwab tatsächlich gemeint hat, weiß ich nicht.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit noch kurz zu einer anderen Frage Stellung nehmen: Ich werde immer wieder gefragt, warum Russland Vertreter zu solchen Veranstaltungen wie dem Weltwirtschaftsforum schickt oder an Veranstaltungen wie dem Cyber Polygon teilnimmt, wenn Russland doch vollkommen andere Interessen und Meinung hat. Die Antwort darauf hört man sogar von russischen Politikern immer wieder, die sagen, es sei besser da am Tisch zu sitzen und zuzuhören, was diese Leute besprechen, als außen vor zu bleiben und nicht zu wissen, was besprochen wird, wenn die Presse nicht dabei ist. Außerdem kann man diese Dinge nur beeinflussen, wenn man mit am Tisch sitzt, weshalb es besser ist, an dem Tisch zu sitzen, als vor der Tür zu stehen.
Die faktische Politik Russlands steht den Ideen von Schwab und anderen westlichen Strippenziehern jedenfalls diametral entgegen. Diese Politik, die Russland unter Putin seit 20 Jahren gegen heftige Widerstände des Westens verfolgt, hätte es nicht umsetzen müssen, denn als Putin an die Macht kam, lief es in Russland so, wie man es im Westen gerne wollte. Wenn Putin diese Ideen teilen würde, hätte er diesen schwierigen Weg nicht gehen müssen, sondern einfach die Politik in Jelzins Tradition fortsetzen können.
Hier noch wie versprochen das Video. Bitte unbedingt auch den Nachtrag unter dem Video lesen!
Nachtrag: Nach der Veröffentlichung dieses Artikels haben Leser mir Informationen geschickt, die mir beim Verfassen dieses Artikels nicht bekannt waren. Ich habe dazu – wie beim Anti-Spiegel üblich – einen neuen Artikel beschrieben und diesen ursprünglichen Artikel nicht verändert. So gehe ich aus Gründen der Transparenz immer vor: Einmal veröffentlichte Artikel werden nicht verändert, sondern im Falle neuer Informationen oder auch von Fehlern, die mir unterlaufen sind, durch entsprechende Hinweise ergänzt. Den Artikel mit den zusätzlichen Informationen finden Sie hier.
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