Ich berichte seit fast einem Jahr, dass Corona in Russland kaum noch ein Thema ist. Das gilt grundsätzlich immer noch, denn Russland besteht nicht nur aus Moskau, wo die Corona-Situation derzeit aus dem Ruder zu laufen scheint und wo die Stadtregierung jetzt zu radikalen Maßnahmen greift. Die Moskauer Stadtregierung hat diverse Corona-Einschränkungen verkündet (geschlossene Spielplätze, eine Sperrstunde für Bars und Restaurants von 23 bis 6 Uhr, verstärkte Kontrollen der Maskenpflicht im ÖPNV, etc.) und auch angeordnet, dass Arbeitgeber unter Androhung von Geldstrafen dafür verantwortlich gemacht werden, dass bis Mitte August mindestens 60 Prozent ihrer Belegschaft geimpft sind. In den Schlagzeilen ist von einer Impfpflicht die Rede.

Die Corona-Lage in Russland

Über diese „Impfpflicht“ habe ich bereits berichtet. Die Anweisung der Moskauer Stadtregierung gibt es tatsächlich, allerdings ist sie juristisch (derzeit) gar nicht durchsetzbar, weil die Arbeitgeber keinerlei Handhabe haben, ihre Angestellten zur Impfung zu zwingen. Und auch in Russland wird kein Gericht eine Geldstrafe gegen ein Firma verhängen, die es nicht geschafft hat, 60 Prozent ihrer Mitarbeiter zu einer Impfung zu bewegen, wenn sie keine rechtliche Handhabe hat, das auch durchzusetzen. Dazu müsste erst das russische Arbeitsrecht geändert werden, was (zumindest bisher) nicht im Gespräch ist.

In Moskau wurde außerdem angeordnet, dass alle Routinebehandlungen in Krankenhäusern für Nicht-Geimpfte ausgesetzt werden. Medizinische Notfälle und lebenswichtige Behandlungen (zum Beispiel Krebs) sind davon allerdings ausgenommen.

Als Grund für die radikalen Maßnahmen wird angegeben, dass die Zahl der Infizierten plötzlich buchstäblich durch die Decke gegangen ist und es eine nie dagewesene Zahl von täglichen Neuinfektionen gibt. Bis zum 8. Juni lag die Zahl der Neuinfektionen in Moskau stabil bei etwa 3.000 pro Tag, aber dann ist sie in die Höhe geschossen und liegt nun bei fast 9.000. Das ist Hälfte aller Fälle in Russland, obwohl im Großraum Moskau weniger als 10 Prozent der russischen Bevölkerung leben.

Vor allem aber wird gemeldet, dass die Krankenhäuser an ihre Grenzen kommen. In Moskau wurden bereits wieder Notkrankenhäuser für Covid-Patienten in Betrieb genommen.

Wie die russischen Medien berichten

Ich habe immer mal wieder Berichte der russischen Medien über Corona übersetzt und sie klangen anders als im Westen. Besonders springt mir, der ich aus beruflichen Gründen täglich russische und deutsche Medien lese, ins Auge, dass es in Russland viel weniger Berichte über Corona gibt als in Deutschland. Vor allem aber waren die russischen Berichte über Corona sachlicher, Gegner von Masken und Impfungen kamen zu Wort, ohne für ihre Meinung verurteilt zu werden.

Der O-Ton der russischen Medienberichte war immer: Ja, es gibt die Krankheit, ja, sie ist durchaus gefährlich, ja, es sterben Menschen daran. Aber die russischen Berichte waren insgesamt optimistisch, die Lage sei beherrschbar. Die im Winter sicherheitshalber eröffneten Corona-Krankenhäuser wurden sogar teilweise geschlossen, weil sie leer standen. Und es wird immer empfohlen, sich impfen zu lassen.

Der im Vergleich zum Westen in Russland lockere Umgang mit Corona hat dazu geführt, dass die Russen keine Angst vor Corona haben und sich nicht impfen lassen, weil sehr viele Russen bereits Corona hatten und man aus eigenem Erleben oder aus Erzählungen von Freunden erfahren hat, dass es eine Krankheit ist, die meist nur zu ein paar Tagen Fieber, Schwächegefühl oder Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn führt. Sie ist bisher bei den meisten Menschen unspektakulär verlaufen. Die Impfquote in Russland ist infolgedessen niedrig, in Moskau liegt sie bei nur knapp über 10 Prozent. Über die Impfunwilligkeit der Russen und die Gründe dafür habe ich Anfang Juni, nur zehn Tage, bevor in Moskau die Lage außer Kontrolle geraten ist, berichtet, den Artikel finden Sie hier.

Auch jetzt beherrscht Corona in Russland nicht wirklich die Schlagzeilen. Aber die Tonlage der Berichterstattung hat sich verändert. Die Warnungen in den Medien werden deutlicher. Um das aufzuzeigen, habe ich den entsprechenden Beitrag vom Sonntag aus der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“ über die Corona-Lage in Moskau übersetzt.

Vor der Übersetzung noch eine generelle Anmerkung: Russland hat derzeit vier eigene Impfstoffe, die alle eine Wirksamkeit von über 90 Prozent gezeigt haben. Westliche Impfstoffe – vor allem mRNA-Impfstoffe – werden in Russland nicht verimpft.

Und noch eine Anmerkung zur Übersetzung: Da ist die Rede vom „indischen Stamm“ des Coronavirus, damit der Stamm gemeint, der in Deutschland als „Delta“ bezeichnet wird.

Da eine Freundin von mir über das Wochenende in Moskau war, werde ich nach der Übersetzung über ihre Eindrücke von „vor Ort“ berichten.

Beginn der Übersetzung:

Einer steckt acht andere an: Covid mutiert dank der Impfgegner

Covid ist in Russland wieder in ein aktives Wachstum übergegangen. Bis zum Ende dieser Woche näherte sich die Zahl der Infizierten pro Tag landesweit der 20.000. Moskau hat einen historischen Höchststand erreicht. Der bisherige Rekord für die Hauptstadt lag bei 8.200 Infizierten pro Tag, das war am 24. Dezember letzten Jahres. Heute haben wir diese Zahl geknackt und sie steigt weiter an und nähert sich 10.000 pro Tag.

Gleichzeitig wird berichtet, dass sich 89 Prozent der Infizierten in Moskau den indischen Stamm „einfangen“, der aggressiver ist und eine kürzere Inkubationszeit hat, was das Ansprechen auf herkömmliche Behandlungsmethoden erschwert.

Der Grund für diese dramatische Situation ist, dass sich unsere Bevölkerung weitgehend weigert, sich zu schützen, sei es durch Impfungen, Masken oder verantwortungsvolles Verhalten. Dadurch sind wir heute auf wundersame Weise wehrloser als vor einem Jahr, als Masken und Handschuhe für Ärzte noch nicht in ausreichender Menge vorhanden waren, als Medikamente und Impfstoffe noch nicht erfunden worden waren. Nun ist das alles im Überfluss vorhanden, aber es ist das entstanden, was die Chefin der Verbraucherschutzbehörde Anna Popowa als „totalen Nihilismus“ in der Gesellschaft bezeichnet.

Dmitri Peskow, der Pressesprecher des Präsidenten, nahm diesen Begriff auf. Es ist ein Nihilismus in Bezug auf die Empfehlungen der Ärzte, in Bezug auf die Notwendigkeit, sich zu impfen, und sogar in Bezug auf die Existenz der epidemischen Bedrohung.

Was die Impfungen betrifft, so ist es verwunderlich, dass sich sogar einige Ärzten dagegen aussprechen – grauhaarige Professoren und sogar Akademiker, allerdings nur solche, die sich der Medizin verwandten Fachgebieten verschrieben haben. Sie streiten aus einer Position der Unwissenheit mit professionellen Virologen und Epidemiologen und führen Millionen von verunsicherten Menschen in die Irre. In der Tat haben sich die Impfgegner in eine Position des Obskurantismus begeben und schaden der Gesellschaft und dem Staat in unverantwortlicher Weise, indem sie dem Coronavirus erlauben, seine flächendeckende Ernte einzufahren. Russland befindet sich jetzt im Krieg. In diesem Krieg ist das Virus der Feind. Impfgegner sind diejenigen, die auf die Seite des Feindes übergelaufen sind. Wir müssen die Dinge beim Namen nennen.

Unter diesen Bedingungen ist es wichtig, zum Beispiel die offizielle Position der Russischen Akademie der Wissenschaften als wichtigste Expertenorganisation in Russland zu hören. Die öffentliche Position der Leiter der religiösen Konfessionen und die tägliche Arbeit der Pastoren in den Kirchen ist wichtig. Kein Thema ist wichtiger für Meinungsführer, seien es Politiker, Künstler oder Sportstars. Aber das Wichtigste – jeder sollte bei sich selbst anfangen: um zu verstehen, wie die Infektion abläuft und welche vorbeugenden Maßnahmen es gibt, was die Gefahren sind und warum es für jeden von uns wichtig ist, seinen eigenen Antikörperspiegel zu kennen. Jeder sollte wissen, was schützt und was nicht schützt. Wodka, zum Beispiel, schützt nicht.

Und man muss den Sinn der Maßnahmen verstehen, die der Staat zum Schutz der Bürger ergreift. In Moskau haben die Behörden der Stadt zum Beispiel beschlossen, die Impfung von Mitarbeitern in den Bereichen Handel, Dienstleistungen, Gastronomie, Transport, Gesundheitswesen, Wohnungsbau und Versorgungsbetriebe, Bildung, Kultur und von Organisationen, die mit Kindern arbeiten, sicherzustellen. Eine weitere Maßnahme, die die Impfkampagne anregt, besteht darin, die routinemäßige medizinische Versorgung nur geimpften Patienten anzubieten. Haben Sie eine Impfung oder Antikörper, können Sie Ihren chronischen Bluthochdruck behandeln lassen. Haben Sie keins von beidem? Lassen Sie sich impfen!

Es gibt Länder auf der Welt, die dank zivilgesellschaftlicher Organisierung das Coronavirus und alle damit verbundenen Einschränkungen hinter sich gelassen haben: China oder Israel zum Beispiel. Wollen wir weiter herumdümpeln? Menschen verlieren und eingesperrt bleiben? Ist das unsere Vorstellung von Glück? Und warum sollte uns jemand helfen, wenn wir nicht bereit sind, uns selbst zu helfen, indem wir den Unwissenden und Obskuranten zuhören?

Wie dramatisch ist die Coronavirus-Pandemie bei uns im Moment? Ein Bericht von Elena Erofeeva.

Im März schlug das Moskauer Krankenhaus Nr. 15 eine neue Seite in der Geschichte von Covid auf. Das Krankenhaus kehrte zur normalen medizinischen Versorgung zurück. Nur die Entbindungsklinik blieb eine „roten“ Zone. Hier wusste man damals noch nicht, ob man einen Punkt oder ein Komma setzen sollte. Drei Monate später gab es wieder eine riesige stationäre Abteilung für 2000 Betten in der Covid-Zone. Und die Krankenwagen, die einer nach dem anderen vorfahren, bringen zweihundert Patienten am Tag. (Anm. d. Übers.: Die Corona-Stationen werden in Russland „rote Zone“ genannt.)

Am 11. Juni wurde der letzte Routine-Patient entlassen, am 15. Juni wurde der erste Patient mit Covid aufgenommen. Heute sind es etwa tausend. Die Statistik wächst nicht einfach, sie explodiert. Hinter den seelenlosen Zahlen liegen graue Gesichter, erschöpft, versunken in Angst und Schmerz.

Seit 10 Tagen hat er bis zu 39 Grad Fieber. Die Kopfschmerzen sind quälend und nicht zu ertragen. Vasily Maiba hat sich bewusst nicht impfen lassen. Der schwache Aufguss der Impfverweigerung wird den Menschen als harmloser Trank verkauft. Gefangen in der Falle von Gerüchten und Lügen, im Gegensatz zu Klarheit und Wahrheit, berauben sich die Pseudokritiker jeglicher Hoffnung, diesem verblüffenden Unsinn zu entkommen. Inzwischen ertrinkt das Land in der dritten Welle der wütenden Pandemie.

„Wir haben jetzt, was wir haben. Es ist unsere eigene Schuld. Wenn wir geimpft uns geimpft hätten… Es gibt noch eine andere Möglichkeit: Ins Krankenhaus, auf die Intensivstation kommen. Und ich unterstreiche: Man kann dort auch nicht mehr herauskommen. Menschen sterben. Es gibt keine Pille, um jemanden vom Coronavirus zu heilen“, sagte Valery Vechorko, Chefarzt des Städtischen Klinischen Krankenhauses Nr. 15.

Beim Rauschen der Herzmonitore ist die schwache Stimme des Patienten nur schwer zu verstehen. Das schmerzhafte Flüstern der verblichenen Lippen klingt, als hätte er Brei im Mund: Er bittet um Hilfe.

Die Augen des Arztes sprechen eine deutlichere Sprache als die lautesten Worte. Die Ärzte suchen beharrlich nach einer Lösung. Dieser Patient ist einen Schritt davon entfernt, an das Beatmungsgerät angeschlossen zu werden. Aber Valeriy Vechorko wird uns das erst erzählen, nachdem er den Raum verlassen und die Tür fest verschlossen hat: Es besteht die Gefahr, dass der alte Mann nach dem Intubieren nicht wieder von dem Gerät loskommt.

Er hat sich verändert, Covid verändert sich und macht es den Ärzten noch schwerer. Vor einem Jahr reichte es aus, milchfarbene Flecken auf dem Bild zu sehen und die Diagnose war klar. Jetzt tritt die Verdickung der Lunge, oder im medizinischen Sprachgebrauch, die Konsolidierung, in den Vordergrund.

Es ist, als ob das Coronavirus wütend geworden wäre. Innerhalb von zwei Tagen hat sich die Zahl der Infizierten allein in Moskau verdoppelt – eine so hohe Rate hat es in der Hauptstadt noch nie gegeben. Die Sterblichkeitsrate, die seit letztem Dezember rückläufig war, ist stark angestiegen.

„Das ist das Bild, das der indische Stamm zu zeigen scheint. Er ist aggressiver. Er ist im Vergleich zum Wuhan-Stamm blitzschnell“, sagt Alexander Gintsburg, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Gamaleya Institut, der Entwickler von Sputnik-V.

„Ist er bösartiger?“

„Ja, er ist bösartiger. Es verkürzt die Zeit des Übergangs von milden Symptomen zu schweren Formen der Krankheit und damit auch die Zeit der möglichen Entstehung eigener Antikörper.“

Er hat Moskau unbemerkt erobert. Der indische Stamm verdrängt heute alle anderen Varianten des Virus: den britischen Stamm und den südafrikanischen Stamm. Vom ursprünglichen Wuhan-Stamm ist nur noch wenig übrig. Die festgestellten Mutationen haben die Eigenschaften von SARS-CoV-2 verändert.

„Er vermeidet wahrscheinlich die neutralisierende Wirkung von Antikörpern. Vor allem bei denjenigen, die schon mal infiziert waren. Das heißt, ihre Antikörper sind bereits weniger wirksam gegen diesen Stamm“, sagte Kamil Khafizov, Leiter der wissenschaftlichen Gruppe für die Entwicklung neuer Methoden zur Diagnose menschlicher Krankheiten am zentralen Forschungsinstitut für Epidemiologie der Verbraucherschutzbehörde.

Der indische Stamm wird immer stärker und versucht, den Impfschutz zu durchbrechen. Er ist doppelt so ansteckend wie der britische Stamm, der im Dezember für viel Aufsehen sorgte, und hat den chinesischen Stamm in seiner Ausbreitungsgeschwindigkeit um das Vierfache übertroffen. Das Labor des Zentralen Forschungsinstituts der Verbraucherschutzbehörde hat eine ganze Bibliothek von verschiedenen Mutationen des Coronavirus gesammelt.

„Unter solchen Bedingungen verbreitet sich das Virus aktiv. Es gibt nur wenige Menschen, die geimpft sind. Der Anteil der Infizierten, die noch Antikörper haben, ist gering“, sagt Anna Speranskaya, Leiterin der Genomics und Genomic-Technologie Gruppe des Zentralen Forschungsinstituts für Epidemiologie der Verbraucherschutzbehörde.

„Was bedeutet das?“

„Dass er sich noch schneller ausbreiten wird. Die einzige normale Rettung in dieser Situation ist es, genügend Menschen zu impfen, um eine schnelle Ausbreitung neuer Formen des Virus zu verhindern.“

Schneller geht es gar nicht: Eine infizierte Person steckt acht andere an. Alle Autorennen der Welt sind ein Kinderspiel im Vergleich zu dem blitzschnellen Tempo dieses Virus. Es hätte bereits gestoppt werden können – durch Impfung – aber die Masse der Impfgegner stand im Weg.

„Man sieht einen Mann an, er tut einem wahnsinnig leid, man denkt: Mein Guter, warum hast du herumgesessen, warum hast du dich nicht impfen lassen? Haben sie dir keinen Impfstoff gegeben? Wollten sie nicht, haben Sie dich nicht überredet, haben sie es dir nicht gesagt, haben sie nicht geschrien, haben sie es dir nicht in den Kopf gehämmert? Ich möchte ihn fragen, wovor hattest du Angst? Vor Impotenz? Vor Unfruchtbarkeit? Was für dummes Zeug, das dir sagt, dass du dich nicht impfen lassen sollst, hast noch im Internet gelesen?“, sagt Sergey Tsarenko, stellvertretender Chefarzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Moskauer Städtischen Klinischen Krankenhaus Nr. 52.

Der unheilvolle Schatten des Todes gleitet über die Fenster des Covid-Krankenhauses. Es wird immer schwieriger, Patienten hier wieder herauszubekommen. Sie sprechen schwach oder gar nicht auf die Therapie an. Die Infektion schreitet so schnell voran, dass das Immunsystem eines Menschen keine Zeit hat, Antikörper zu produzieren – sie sind wehrlos.

„Die Krankheit schreitet noch schneller fort. Ein Patient wird eingeliefert und trotz aktiver Behandlung verschlechtert sich sein Zustand innerhalb weniger Tage so weit, dass er vom ersten Schweregrad in den vierten übergeht, er braucht Atemunterstützung, und dann geht er auf künstliche Lungenbeatmung und dann an ein Beatmungsgerät. Es ist offensichtlich, dass die Krankheit aktiver geworden ist, vor allem bei jungen Menschen ohne Vorerkrankungen, auch bei dünnen Menschen“, betonte Sergei Tsarenko.

Und nicht nur auf der Intensivstation, auch in der stationären Behandlung verschlechtert sich der Zustand der Patienten jeden Tag. Irina Beloglazova, Leiterin der 4. therapeutischen Abteilung des Moskauer Stadtkrankenhauses Nr. 52, ist gerade von ihrer Visite zurückgekehrt. „Es ist eine sehr ernste Situation, wenn man bedenkt, dass auch die Intensivstation keine freien Betten mehr hat“, sagte die Ärztin.

Im 52. Krankenhaus behandeln heute zwei der Stationen Covid. Dabei sind sie im Frühjahr auch zur medizinischen Routineversorgung zurückgekehrt. Doch das Coronavirus breitete sich wieder aus. Und nun sind bereits etwa tausend Betten mit schweren Fällen belegt, die statt der Impfung einen anderen Weg gewählt haben – nämlich krank zu werden.

„Wenn die Leute mit dem Virus Roulette spielen, verstehen sie nicht, dass sie die notwendige Menge an Antikörpern in Form einer Impfung bekommen müssen und sich dadurch vor all den Erfahrungen und Ängsten, die tödlich enden können, schützen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch das Spiel verliert, liegt bei bis zu 10 Prozent. Und mit dem Auftauchen anderer veränderter Stämme befürchte ich, dass dieser Prozentsatz noch steigen könnte. Die von Sputnik produzierten Antikörper schützen gegen alle derzeit bekannten Stämme, vom britischen bis zum indischen“, sagt Alexander Gintsburg.

Die Bundesanstalt für Medizin und Biologie hat ein neues Medikament entwickelt – „Sturmwarnung“. Das Medikament hemmt die Freisetzung von Zytokinen – Proteinen, die eine übermäßige Immunreaktion verursachen. 90 Prozent der COVID-19-Todesfälle sind mit einem Zytokinsturm verbunden.

„Das Medikament dringt in die untere Lunge ein und hindert das Immunsystem daran, die eigenen Zellen anzugreifen“, erklärt Vladislav Karkishchenko, Direktor des wissenschaftlichen Zentrums für biomedizinische Technologien.

Unter Laborbedingungen erzeugten die Forscher Modelle eines Zytokinsturms. Sie haben das an Mäusen getestet. Sie induzierten künstlich eine Kaskade von Entzündungsreaktionen und versuchten dann, diese mit dem neuen Medikament zu unterdrücken. Das Medikament reduzierte die Sterblichkeit um das Sechsfache.

„Zytokine haben eine Schutzfunktion. Aber wenn sie anfangen, unkontrolliert im Körper produziert zu werden, hören sie auf, schützend zu sein und werden giftig für den Körper“, sagte Anna Levashova, leitende Forscherin des Forschungszentrums für biomedizinische Technologien.

Es ist möglich, schwere Komplikationen zu vermeiden, wenn Sie sich rechtzeitig impfen lassen. Natürlich besteht das Risiko, krank zu werden. Aber nach der Impfung werden Sie mit Sicherheit nicht an ein Beatmungsgerät angeschlossen und vermeiden einen tödlichen Ausgang. Dies ist durch die Jahrhunderte der Geschichte bewiesen worden.

„Man muss das Rad nicht neu zu erfinden. Wir sollten uns die Erfahrungen unserer Vorfahren ansehen. Schauen Sie sich an, wie sie erfolgreich schreckliche Krankheiten bekämpft haben. Und wie sie diese Krankheiten besiegt haben. Nur gemeinsam, indem man sich von obskurantistischen mittelalterlichen Vorurteilen befreit und zur richtigen Zeit die allgemeine Impfung einführt hat, wie es in der Sowjetunion der Fall war. In der Schule wurden alle gegen Pocken geimpft. Das ist meine zivilgesellschaftliche Position, ich glaube wirklich an sie. Deshalb habe ich mich und meine Familie impfen lassen. Und jetzt machen wir bereits Wiederholungsimpfungen“, sagte Wladimir Medinskij, Präsidentenberater und Vorsitzender der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft.

In diesem Jahr hat sich das Bild der Krankheit mehr als einmal geändert. Auch das Virus selbst ist mutiert. Studien mit Seren von Erkrankten zeigen jedoch, dass die in Russland verfügbaren Impfstoffe gegen die neuen Stämme wirksam sind. Es bleibt nur noch, die Liste derjenigen zu erweitern, für die eine Impfung in erster Linie angezeigt ist. Und das sind die Risikogruppen.

„Das Gesundheitsministerium hat sehr viel Verständnis und Flexibilität gezeigt und alles dafür getan, dass buchstäblich nächste Woche ganz offiziell schwangere Frauen geimpft werden können. Ja, dieses Problem wurde gelöst, was, wie wir wissen, nicht nur schwangere Frauen schützt, sondern auch das Neugeborene wird als Folge des Stillens geschützt“, sagte Alexander Gintsburg.

Die freiwillige Impfung wurde zu lange auf die lange Bank geschoben. Die Menschen haben es nicht eilig, sich gegen Covid impfen zu lassen. Anscheinend folgen die Menschen in Russland Befehlen besser als Empfehlungen. Und es scheint keinen anderen Weg zu geben. Andernfalls wird die Hoffnung auf das Ende der Pandemie auf lange Zeit von Egoismus, Gleichgültigkeit und konstruierter Angst erdrückt.

Ende der Übersetzung

Nun noch ein paar Worte zu den Erlebnissen meiner Freundin, die das Wochenende bei Schulfreunden in Moskau verbracht hat. Sie hat von den Einschränkungen kaum etwas bemerkt. Restaurants haben zwar um 23 Uhr geschlossen und Spielplätze waren abgesperrt. Aber Parkbänke, die zunächst auch abgesperrt waren, sind wieder freigegeben, weil die Menschen die Verbote ignoriert haben.

Die Maskenpflicht im ÖPNV wurde in Moskau nicht kontrolliert, aber als sie wieder in Petersburg gelandet war, wurde sie im Bus vom Flughafen in die Stadt angewiesen, die Maske aufzusetzen. Auch in Geschäften oder Apotheken wird man sowohl in Moskau als auch in Petersburg nur selten aufgefordert, die Maske aufzusetzen.

Und im Flugzeug wurde ebenfalls keine Maske verlangt. Das hat mich gewundert, denn ich bin letztes Jahr einige Male nach Moskau geflogen und damals wurde man ohne Maske nicht ins Flugzeug gelassen.

Es bleibt abzuwarten, wie die Russen nun damit umgehen, aber im Leben der Menschen hat sich bisher noch wenig geändert.