Russland erlässt Afrika 20 Milliarden Schulden – Russland-Afrika-Gipfel in Sotschi

Während im Westen immer der Eindruck erweckt wird, Russland wäre international isoliert, ist das Gegenteil der Fall. In diesen Tagen treffen sich die meisten afrikanischen Staats- und Regierungschefs in Sotschi zum ersten russisch-afrikanischen Gipfel mit Präsident Putin.

Russland hat geladen und alle kommen, so kann man zusammenfassen, was gerade in Sotschi passiert. Präsident Putin hat zum ersten russisch-afrikanischen Gipfel nach Sotschi geladen und von 54 geladenen Staats- und Regierungschefs sind über 40 gekommen, die restlichen haben hochrangige Vertreter geschickt. Ein so hochrangiges Treffen hat der Westen mit den afrikanischen Ländern noch nie auf die Beine gestellt.

Während man im Westen die Legende verbreitet, Russland sei international isoliert, ist das Gegenteil der Fall. Russlands Ansehen und internationale Autorität wachsen, wie man in diesen Tagen im Nahen Osten beobachten konnte, wo unter russischer Führung der Grundstein für das Ende des Syrienkrieges gelegt wurde, ohne dass der Westen dabei eine Rolle gespielt hätte. Und sogar mit dem engsten Partner der USA am Persischen Golf, den Saudis, hat Putin hervorragende Beziehungen aufgebaut, wie man vor wenigen Tagen bei seinem Staatsbesuch dort sehen konnte.

Zum Vergleich: Als AKK in diesen Tagen parallel zur russisch-türkischen Einigung über Syrien eine UN-Mission für Syrien vorgeschlagen hat, hat Russland das nicht einmal offiziell kommentiert, so unwichtig ist Deutschland und damit auch die EU in der Region bereits. Die Politik der EU interessiert dort kaum noch jemanden. Man treibt gerne Handel mit der EU, aber politisch hat sie derzeit kaum noch internationales Gewicht.

Nun also ein großer Afrika-Gipfel in Sotschi. Was verspricht sich Russland davon?

Russland hat sich außerhalb der „westlichen Wertegemeinschaft“ konsequent einen Ruf als verlässlicher Partner aufgebaut. Russland hat in den letzten Jahren gezeigt, dass es sein Wort auch unter schwierigen Bedingungen hält. Russland hat gezeigt, dass es auch kleine Länder nicht von oben herab, sondern mit Respekt behandelt und ihnen keine ideologischen oder politischen Vorgaben aufzwingen möchte. Russland akzeptiert jedes Land so, wie es ist und verzichtet komplett auf Einmischungen in innere Angelegenheiten. Und inzwischen sind immer mehr Länder bereit, eng mit Russland zusammenzuarbeiten, auch wenn der Westen mit wirtschaftlichen oder politischen Nachteilen droht. Die Drohungen des Westens verfangen in letzter Zeit immer weniger.

Russland möchte seine Handelseinfluss weiter ausbauen. Mit den Ländern der Eurasischen Wirtschaftsunion und den Ländern der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit arbeitet Russland auf Augenhöhe zusammen und zeigt sich als Teamplayer, der auch komplizierte Themen geduldig und ohne Druck und Drohungen diskutiert und Lösungen findet, die für alle Seiten fair sind.

Das soll nun auch mit Afrika kommen. In seinen Reden bei dem Gipfeltreffen hat Putin ausdrücklich dafür geworben, afrikanische Organisationen wie die Afrikanische Union zu stärken. Russland möchte die Länder zusammenbringen und sie nicht spalten. Und gleich am ersten Tag hat Russland den afrikanischen Ländern 20 Milliarden Dollar Schulden erlassen. Putin sagte unter anderem:

„Unser Land beteiligt sich an der Initiative zur Verringerung der Schuldenlast afrikanischer Länder. (…) Ich denke, wir können es in den nächsten vier oder fünf Jahren schaffen, unseren Handel noch einmal zu verdoppeln, das ist das Mindeste. (…) Der Export von Waffen nach Afrika macht 15 Milliarden Dollar aus, bei landwirtschaftlichen Produkten haben wir bereits 25 Milliarden erreicht. Deshalb haben wir ein gutes Entwicklungspotenzial“

Es geht also keineswegs bloß um Waffengeschäfte, wie im Westen unterstellt wird. Russland hat von den Sanktionen des Westens enorm profitiert, vor allem im Bereich der Landwirtschaft war Russland gezwungen, viel mehr selbst zu tun und die russische Landwirtschaft boomt derzeit. Russland ist bei den Lebensmittelexporten mittlerweile eines der führenden Länder der Welt.

Aber natürlich geht es auch um Hightech. Russland möchte Afrika bei der Erschließung von Bodenschätzen helfen, wo Russland zweifelsfrei sehr erfahren ist. Im Gegensatz zum Westen geht Russland dabei jedoch nicht den Weg der Globalisierung, die die schwachen Länder ausbeutet, sondern geht Partnerschaften auf Augenhöhe ein.

Ich werde am Wochenende, wenn der Gipfel zu Ende ist, noch ausführlicher über ihn und die Ergebnisse berichten.

Aber es lohnt sich noch kurz einen Blick auf die Reaktion der deutschen Medien zu werfen. Der Spiegel hat auch einen Artikel über den Gipfel geschrieben und man spürt förmlich, wie die Redaktion dort vor Wut über die russischen Erfolge auf dem internationalen diplomatischen Parkett schäumt. Schon die Überschrift hat nichts mit der Realität zu tun, sondern soll die Leser negativ einstimmen: „Putins Afrika-Gipfel in Sotschi – Biete Waffen, suche Rohstoffe

Schon an der Überschrift sieht man, dass der Spiegel Unsinn schreibt. Erstens sind Waffen – wie gesehen – bei weitem nicht das wichtigste Exportgut für Russland und zweitens hat Russland genug eigene Rohstoffe. Während der Westen die Rohstoffe Afrikas so billig wie möglich bekommen will und dabei mit PSA-Verträgen versucht, die afrikanischen Länder zu übervorteilen, setzt Russland auf eine Kooperation bei der Förderung und möchte dann zusammen mit Afrikanern am Verkauf verdienen. Logisch, dass dem Westen das nicht gefällt, denn Russland macht mit seinem Konzept die afrikanischen Länder stärker.

Die EU könnte mit im Boot sitzen und von Russlands Vorgehen profitieren. Russland möchte sehr gerne mit der EU über einen gemeinsamen wirtschaftlichen und kulturellen Raum von Lissabon bis Wladiwostok reden. Putin bietet das seit fast 20 Jahren an und es ist wohl immer noch sein größtes außenpolitisches Ziel, aber die EU möchte nicht und bleibt den USA treu, die strikt dagegen sind. Im Ergebnis ist der politische Einfluss der EU inzwischen im Sturzflug.

Im Spiegel kann man heute dafür so unsinnige und unwahre Dinge lesen, wie diese:

„Russlands Präsident Wladimir Putin setzt zurzeit viel daran, die Präsenz seines Landes auf dem afrikanischen Kontinent auszubauen. Seine Bemühungen um Afrika haben sich auch deshalb verstärkt, weil die russische Wirtschaft seit 2014 unter den wegen der Krim-Annexion verhängten Sanktionen der USA und der EU leidet.“

Ich möchte das Thema Krim hier jetzt nicht wieder aufmachen, wer sich für die Hintergründe interessiert, der findet sie hier.

Aber es ist wirklich unglaublich, dass der Spiegel immer noch die Legende verbreitet, Russland leide unter den Sanktionen. Russland ist von den Sanktionen nur in wenigen Punkten tatsächlich betroffen. Alles, was die EU Russland nicht mehr verkaufen will, kauft Russland nun eben in China. Und die russischen Gegensanktionen, die die Landwirtschaft der EU hart getroffen haben, haben der russischen Landwirtschaft regelrecht Flügel verliehen. Was Russland 2014 hart getroffen hat, war der kurzfristige Absturz des Öl-Preises, aber nicht die Sanktionen. Die Sanktionen sind für Russland ärgerlich, aber kein echtes Problem und für einige russische Branchen sogar ein Segen.

Es gibt Vertreter der russischen Wirtschaft, die offen fordern, die Sanktionen mögen bitte ewig dauern, denn nun endlich gelingt Russland unter dem Druck der Sanktionen das, was vorher nicht gelungen ist: Russland diversifiziert seine Wirtschaft und der Anteil von Öl und Gas an den Exporten geht zurück, während andere Branchen, wie zum Beispiel die Landwirtschaft, stark zulegen. Was alle Förderprogramme der russische Regierung vor 2014 nicht geschafft haben, die Sanktionen haben es erreicht: Die Abhängigkeit Russlands vom Export von Öl und Gas geht zurück.

Aber der Spiegel verbreitet allen Ernstes die Lüge, Russland leide sehr unter den Sanktionen. Man fragt sich, ob der Autor bewusst lügt oder einfach nur keine Ahnung hat.

In dem Artikel geht es dann in dieser Art und Weise weiter: Russland ist böse und alle Afrikaner, die mit Russland nun zusammenarbeiten, sind auch böse. Alles Despoten und Verbrecher eben. Merkwürdigerweise schreibt der Spiegel über diese Länder allerdings ganz anders, wenn der Westen mit ihnen Geschäfte macht.

Ein Beispiel: Erinnern Sie sich noch, dass Russland Hubschrauberträger vom Typ Mistral in Frankreich bestellt hat, die dann wegen der Sanktionen nicht ausgeliefert werden durften? Das war auch so ein Eigentor, denn in der Bauphase fand ein Wissensaustausch statt und Russland wird sich die Dinger nun eben selbst bauen.

Aber Frankreich hatte ein Problem: Es musste Russland Milliarden an Vertragsstrafen zahlen und saß auf zwei nagelneuen Hubschrauberträgern, die keiner haben wollte, weil sie speziell für russische Hubschrauber ausgerüstet waren. Am Ende hat Ägypten die Schiffe billig abgenommen und Russland hat dann die Hubschrauber dafür verkauft und noch Geld verdient.

Ägypten ist absolut keine Musterdemokratie, im Gegenteil. Aber Deutschland handelt mit Ägypten und verkauft auch fleißig Waffen, ohne dass das von der deutschen Presse allzu kritisch beleuchtet wird. Wenn aber Russland mit Ägypten – das übrigens Co-Organisator des Gipfels in Russland ist – zusammenarbeitet, muss der Spiegel das in ein negatives Licht setzen:

„Die Militärdiktatur Ägypten ist ein privilegierter Partner. Dort entsteht, östlich von Port Said, eine russische Sonderwirtschaftszone, fast so groß wie Gibraltar.“

Verwendet der Spiegel das Wort „Militärdiktatur“ auch, wenn er über deutschen Handel mit Ägypten berichtet? Meines Wissens nicht. Der Spiegel kritisiert Ägypten zwar gerne mal, wenn es um politische Fragen geht, aber wenn es um die deutsch-ägyptische wirtschaftliche Zusammenarbeit geht, nennt er Ägypten meines Wissens nicht „Militärdiktatur„. Aber wenn es um Russland geht, muss es eben irgendwie einen negativen Touch bekommen.

Und nachdem der Spiegel seine Leser so richtig schön negativ eingestimmt hat, kann der Spiegel es aber nicht vermeiden, Russlands diplomatische Erfolge zu erwähnen:

„Waren die afrikanischen Staaten im Kalten Krieg noch sehr gespalten, ob sie dem Westen oder dem Ostblock folgen, zeigt eine Abstimmung aus dem Dezember 2018 in der Uno-Generalversammlung: Mit Russland verscherzt man es sich besser nicht. Als in namentlicher Abstimmung über eine Verurteilung der Militarisierung der Halbinsel Krim entschieden wurde, stimmten nur die afrikanischen Kleinststaaten Liberia und Dschibuti mit dem Westen. Im Sinne Russlands dagegen votierten: Burundi, Simbabwe, Südsudan und Sudan. Enthaltungen: fast zwei Dutzend. Beachtlich zudem: Knapp die Hälfte der afrikanischen Länder waren gar nicht bei der Abstimmung vertreten.“

So sieht es mittlerweile außerhalb der Echokammer der westlichen Medien in der Welt aus: Die Mehrheit der Staaten folgt der Linie des Westens nicht mehr oder nur widerstrebend und unter großem Druck. Und der Spiegel schreibt weiter:

„Ganz anders wird es nun in Sotschi sein. Mehr als 50 Staatschefs wurden in die Stadt am Schwarzen Meer eingeladen, fast alle kommen persönlich: 43 haben sich angekündigt, weitere elf Staaten werden mit Vizepräsidenten, Außenministern und Botschaftern vertreten sein, meldet der Kreml. Ebenfalls eingeladen wurden die Vorsitzenden der Afrikanischen Union (AU), der Entwicklungsgemeinschaft des Südlichen Afrika (SADC), der Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten (ECOWAS) sowie offizielle Vertreter der Magreb- und Sahelstaaten und der Afrikanischen Export-Import-Bank (Afreximbank). Auch der frisch gekürte Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed aus Äthiopien wird nach Sotschi reisen. Es besteht Hoffnung, dass er mit dem ägyptischen Staatschef Sisi den langwierigen Streit beider Länder um die Nutzung des Nilwasser beilegt.“

Ganz nebenbei wird Russland bei der Gelegenheit auch versuchen, alte Streitigkeiten zu schlichten.

Und der Westen?

Er steht außen vor. Das ist die vielleicht wichtigste Nachricht, wenn es um dieses wohl größte Gipfeltreffen der Welt geht. Denn wann waren schon mal fast 50 Staats- und Regierungschefs gleichzeitig auf einem Treffen? Bestenfalls bei einer Vollversammlung der UNO, aber ansonsten meines Wissens nicht.

So viel zur These der westlichen Medien, Russland sei isoliert.


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse. Man kann dort ausführlich nachlesen, wie Putin seit dem Jahr 2000 für eine Zusammenarbeit mit der EU einsetzt, aber immer wieder zurückgewiesen wurde. Und auch über Putins Umgang mit den „kleinen“ Ländern, die nicht zum Westen gehören, kann man dort sehr viel erfahren.

https://anti-spiegel.com/2019/was-sagt-putin-selbst-zu-den-fragen-der-interbationalen-politk-hier-kommt-er-zu-wort/
Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

6 Antworten

  1. Ich wünsche mir so sehr auch eine Regierung zu haben die im Interesse der Bevölkerung und der ganzen Welt handelt.
    Kann man sich als Volk bei Putin bewerben? Ich würde ja jetzt lachen wenn es nicht so traurig wäre…

  2. Achja. Der Arme Spiegel. Was wurde blos aus ihm gemacht. Hate-Speach, Lügen, Unterstellungen, Parteinahme. Das hat mit Journalismus rein gar nichts mehr zu tun. Außenpolitische Artikel kann man dort absolut nicht mehr lesen ohne Gefahr zu laufen, das Gehirn gewaschen zu bekommen. Mich würde nur einmal interessieren, ob die Autoren persönlich dieses Russlandbild entwickelt haben oder diese Texte als Auftragsarbeit abzuliefern haben. Auf der anderen Seite sind sie offenbar vollkommen blind, wenn es um die Aktionen unseres „Wertewestens“ geht. Wenn sie wenigstens dort die Völkerrechtsverletzungen, Morde, Folterungen, Regimchanges usw. geisseln würden, dann wären die Spiegel-Artikel zumindest etwas glaubwürdiger. Aber dieses pure einseitige draufschlagen – und das nun schon jahrelang – führt einfach dazu (kombiniert mit Alternativmedien), dass man Sympathien für dieses Land entwickelt.

    Ich schäme mich jedenfalls für die Politik des Westens und dafür, dass die Deutschen nun schon wieder 50km vor der Russischen Grenze stehen. Als hätten wir in den letzten 100 Jahren nichts gelernt. Hitler hätte sich über die heutige westliche Politik wirklich sehr gefreut. „Endlich“ ziehen die USA, England und Deutschland an einem Strang (Frankreich wendet sich ja langsam ab), um Russland in die Knie zu zwingen. Genau davon hatte der Führer immer geträumt. Nur eines gab es damals noch nicht – Atomwaffen.

  3. Sehr geehrter Herr Röper,
    ich erlaube mir Ihre absolut zutreffenden Ausführungen um einiges zu ergänzen:

    Wenn wir heute mit Unverständnis auf die manchmal schon absurde Politik des Westens schauen, dürfen wir nicht außer Acht lassen, daß wir Teil dieser Absurdität sind – denn sie gehört zu unserem „gesellschaftlichen Bewußtsein“, einem historisch gewachsenen Selbstverständnis.

    Vor einiger Zeit schrieb ich in anderem Zusammenhang in etwa folgendes:
    Was man heute als „Westliche Wertegemeinschaft“ bezeichnet, nannte man vor ca. 100 Jahren einfach nur „Zivilisation“ verbunden mit all den kolonialen Attitüden, die sich im Selbstverständnis der Europäer herausgebildet haben, seit dem sie mit Beginn des 15. Jh. auszogen, diesen Globus zu erobern.

    „Zivilisation“ in diesem Sinne verstand man grundsätzlich als „DIE (einzige) Zivilisation“ – beruhend auf einer (oft tatsächlichen) technischen Überlegenheit und, darauf aufbauend, daraus folgernden, einer (oft vermeintlichen) geistigen Überlegenheit des Europäers.
    Daraus ergab sich dieser universelle Herrschaftsanspruch verbunden mit bzw. begründet durch ein Sendungsbewußtsein, welches sich in dem, bis in das 19. Jh. hinein fortsetzenden, Bestreben einer „Christianisierung“ widerspiegelt. (Und erst im Verlauf dieser weltweiten europäischen Expansion gewann der „römische Ansatz“ an Bedeutung.)

    Das alles ist „in uns drin“, gehört zu unserem „historischen Bewußtsein“, natürlich auch, weil die Ideenwelt des Westens weltweit mehr oder weniger Einfluß erlangte.
    Dieses Selbstverständnis läßt sich auch hier, an Hand einiger Kommentare, z.B. im Z.H. mit den Staatsbesuchen des russischen Präsidenten in Saudi-Arabien und der VAR, belegen.

    Gerade wenn wir uns die so außerordentlich betonte Menschenrechtsfrage anschauen, so wird vor allem eines deutlich – sie ist geprägt von der Ideenwelt des Liberalismus, die aber inzwischen so sehr auf das „Individuum“ „fokussiert“ ist, daß die einfache Wahrheit – nämlich das dieses „Individuum“ ohne die (funktionierende) „Gemeinschaft“ nichts, und zwar absolut nichts, ist – kaum noch, wenn nicht gar überhaupt keine Beachtung mehr findet.

    Ich breche hier ab, obwohl dazu erheblich ausführlicher erläutert werden müßte, weil hier eine enge Verbindung zu solchen Begriffen, wie „Privatisierung“, „Globalisierung“, „Nation“, „Nationalstaat“, auch „soziale Netzwerke“ und dem, mit all dem Vorgenannten in Zusammenhang stehenden, verbreiteten „Milchmädchen-Kosmopolitismus“ hergestellt werden muß.

    Zurück zum Thema:
    Wir sind nun einmal eine „Westliche“ Wertegemeinschaft“ und der Versuch nach 1990 wieder „DIE Zivilisation“ zu werden, ist offensichtlich nicht geglückt – nur dahingehenden Ambitionen werden weiter verfolgt.
    Und hier liegt die Krux der Geschichte.
    Einerseits meint man, das „Konzept des Nationalstaates des 19. Jh.“ sei überholt – andererseits hält man gerade an der eng mit diesem verbundenen Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts – nämlich eines „Sendungsbewußtseins“ und dem damit einhergehenden (Welt-)Herrschaftsanspruch – fest.

    Und die einzige Botschaft, die wir hier permanent, einer Kanonade gleich, zu hören bekommen – und zwar nicht nur auf globaler sondern auch und gerade auf nationaler Ebene (man lausche da all dem, was uns zu Wirtschaft und Wirtschaftspolitik verkündet wird), ja letztlich auch in Bezug auf jeden Einzelnen, lautet:

    „Wir müssen gewinnen – sonst gewinnen die anderen und wir saufen ab.“

    Das – und nichts anderes – ist es, was da täglich auf uns „nieder prasselt“.

    Ich komme in diesem Zusammenhang nochmals auf die Aussagen Trumps vor der UNO und der Reaktion des DLF zurück.

    Wir erinnern uns:

    Trump:
    „Mein geliebtes Land hat, wie jede in diesem Saal vertretene Nation, eine geschätzte Geschichte, Kultur und Tradition, die es wert ist, verteidigt und gefeiert zu werden, und die uns unser einzigartiges Potential und unsere Stärke verleiht. Die freie Welt muss ihre nationalen Grundlagen annehmen. Es darf nicht versucht werden, sie auszulöschen oder zu ersetzen.“

    „Das wahre Wohl der Nation kann nur von denen verfolgt werden, die sie lieben. Von Bürgern, die in ihrer Geschichte verwurzelt sind, die von ihrer Kultur genährt werden, sich ihren Werten verpflichtet fühlen, ihren Menschen verbunden sind und wissen, dass ihre Zukunft ihnen gehört, die sie aufbauen oder verlieren müssen.“

    DLF:
    „Donald Trump hat in seiner Rede zur Eröffnung der Generalversammlung der UNO seine America-first-Doktrin in den Mittelpunkt gestellt und allen Nationen angeraten, ihm auf diesem nationalistischen Wege zu folgen. Damit hat er einmal mehr den exakten Gegenentwurf zur Idee der Vereinten Nationen geliefert — seine Rede war eine einzige Absage an die multilaterale Weltordnung und eine Ode an den nationalistischen Eigennutz.

    Dass er mit diesem Rückgriff auf das Konzept der Nationalstaaten des späten 19. Jahrhunderts einem eklatanten Irrtum aufsitzt, scheint weder ihn noch seinen Beraterstab zu stören: Ob beim Klima, bei der nuklearen Aufrüstung, beim internationalen Handel oder irgendeinem anderen brennenden Thema in dieser vernetzten, globalisierten Welt — mit krudem Nationalismus ist all dem nicht mehr beizukommen. Die Welt ist eben deshalb in so einem kläglichen Zustand, weil im Windschatten dieses eigenmächtigen Spalters und Störers im Weißen Haus zunehmend jeder tut, was er für richtig hält.“

    Ich möchte besonders auf den ersten Absatz des Zitates des DLF eingehen.
    Da ich aber bereits genug gelabert habe, greife ich im folgenden nur die wesentlichen Begriffe heraus und stelle sie andern gegenüber oder versehe sie mit Anmerkungen. Denken, denke ich kann jeder selbst.

    a)
    „America-first-Doktrin“ – „die unverzichtbare (unentbehrliche) Nation“

    b)
    „America-first-Doktrin“ in der Bedeutung von

    „Deutschland, Deutschland über alles ..“

    im ursprünglichen Sinne (1841) eines August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ?

    oder im Sinne von 1933 ff. ?

    c)
    „nationalistisch“ – patriotisch

    „Patriotismus ist die Liebe zur eigenen Nation – Nationalismus ist Haß auf andere Nationen“

    (Das ist frei nach einem sowjetischen Wissenschaftler, den Putin im Rahmen einer öffentlichen Diskussionsrunde zitiert – W. Wimmer war da wohl ebenfalls anwesend)

    d)
    „Gegenentwurf zur Idee der Vereinten Nationen“

    Eine Nation sind in einem Nationalstaat organisierte Völker (es waren in der Regel immer mehrere).

    Vereinte Nationen ohne Nationen ?

    e)
    „Absage an die multilaterale Weltordnung“

    multilateral – mehrseitig – wer oder was sollen die Seiten dieser Weltordnung sein, wenn nicht die Nationen?

    Eigentlich hat uns der DLF alles geliefert, um seine eigenen demagogischen Phrasen ad absurdum zu führen.
    Nur das merkt man nicht auf den ersten Blick. So funktioniert Propaganda.

    1. Herr Röper arbeitet Tag und Nacht. Jedenfalls das was er hier ohne Mitarbeiter veröffentlicht ist beträchtlich! Und wir Leser wünschen uns ja sehr dass er sich Zeit nimmt, wirklich gut recherchiert und übersetzt. Das Beinhaltet ja auch Verträge und Dokumente sofern zugänglich, zu lesen und zu verstehen. Das alles ist viel Arbeit. Ich finde es toll dass hier mehr als 500 Anschläge erlaubt sind, aber Ihr Beitrag, gerade weil er Namentlich an ihn gerichtet ist finde ich eindeutig zu lang. Er wird ja fast gezwungen alles durchzulesen.

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