Ich beginne diesen Artikel mit ein wenig Russischunterricht: Das russische Wort für Plastiktüte lautet „Paket“. Und in jeder russischen Küche gibt es das in Russland sogenannte „Paket für Pakete“, also eine Tüte, in die man neue Tüten stopft, um sie später als Müllbeutel zu verwenden. Über die europäischen Sanktions-Pakete lachen die Russen schon lange mit dem in Russland gängigen Ausspruch von einem weiteren Paket, das in das alte Paket für Pakete gestopft wird. Die Sanktionen nimmt in Russland niemand mehr ernst.

Nun also arbeitet die EU am 17. Sanktionspaket. Das soll, so erklären Vertreter der EU, Russland endlich den Rest geben. Wahrscheinlich hofft man in Brüssel, dass das „Paket für Pakete“ dann endlich so voll ist, dass es platzt. Dass das neue Sanktionspaket irgendeinen Einfluss auf die russische Wirtschaft haben wird, kann man jedenfalls ausschließen, denn die EU hat ja schon alles sanktioniert, was sie sanktionieren konnte.

Nach dem, was bisher bekannt ist, soll das neue – und nun aber für Russland wirklich tödliche – EU-Sanktionspaket etwa 150 Öltanker und 60 russische Unternehmen und Einzelpersonen sanktionieren. Ach ja, und Nord Stream 2, also die Pipeline die Deutschland nie eingeschaltet hat, will Brüssel nun auch sanktionieren. Das wird Putin sicher dazu bringen, endlich die weiße Fahne zu schwenken.

Dass der Spiegel dazu heute allen Ernstes getitelt hat „Außenministertreffen in London – Deutschland erhöht Druck auf Putin“, lässt mich einmal mehr am Verstand der Herrschaften in der Spiegel-Redaktion zweifeln.

Und auch am Verstand der beteiligten europäischen Politiker, die seit Samstag damit drohen, Russland mit dem 17. Sanktionspaket endgültig den Rest zu geben, wenn es nicht auf die von den Europäern ultimativ geforderte Waffenruhe eingeht, die nach deren Vorstellung in der Nacht von Montag auf Dienstag beginnen soll.

Noch lächerlicher wird das alles, wenn man weiß, dass die EU schon seit mindestens Ende April berichtet, am 17. Sanktionspaket zu arbeiten. Die neuen Sanktionen kommen also so oder so, und sie haben nichts mit dem Waffenstillstand zu tun, den die EU (gegen ihren eigenen Willen) fordert, um Trump zu gefallen, der die Idee Anfang März ins Spiel gebracht hat. Die EU war zwei Monate strikt dagegen, hat ihren Kurs aber nun geändert, weil sie hofft, Trump damit auf ihre Seite ziehen zu können.

Wie dem auch sei, wenn deutsche Politiker und Medien ernsthaft glauben, das heutige Deutschland könne in irgendeiner Form „Druck auf Russland“ ausüben, ist es um den Realitätssinn dieser Leute sehr schlecht bestellt.

Einerseits kann man bedauernd über sie lachen, andererseits kann das brandgefährlich sein, weil diese Herrschaften aus Unwissenheit und ausgehend von vollkommen falschen Tatsachen sehr gefährliche Entscheidungen treffen können.

Sollte daraus ein großer Krieg erwachsen, was leider nicht mehr unrealistisch ist, dann wird in hundert Jahren allerdings kein Historiker von „Schlafwandlern“ sprechen, die quasi „schlafwandelnd“ in den Ersten Weltkrieg geraten sind, in hundert Jahren dürften Historiker die heutigen europäischen Politiker als größenwahnsinnige Idioten bezeichnen, die zu sehr in ihrer eigenen Propaganda gefangen waren, um zu verstehen, was wirklich vor sich geht und mit welchem Feuer sie spielen.