Der Spiegel hat am 31. August einen Artikel mit der Überschrift „Krieg in der Ukraine – Auf dem Weg zur Krim“ veröffentlicht, der mit folgender Einleitung begann:

„Mit kleinen Erfolgen nimmt die Gegenoffensive der Ukrainer endlich langsam Fahrt auf. Der Vorstoß auf das Schwarze Meer und die Landverbindung zur Krim scheinen machbar – aber die Zeit drängt.“

Als ich das gelesen habe, war mein erster Gedanke, dass mich das an die Wochenschauen aus Nazi-Deutschland erinnert hat, die im Herbst 1944 noch von „Wunderwaffen“ und dem „Endsieg“ gefaselt haben, als die Rote Armee schon auf ostdeutschen Boden war und die Alliierten an der Westgrenze Deutschlands standen.

Die ukrainische Gegenoffensive läuft seit Monaten und hat keinerlei nennenswerten Erfolg gebracht. Im Süden hat die Ukraine ein wenig Boden gutgemacht, während Russland im Norden mindestens ebenso viel Land unter Kontrolle gebracht hat. Selbst westliche Analysten geben längts offen zu, dass die ukrainische Gegenoffensive ein Fiasko ist. Zumindest kann man das in echten Medien, zum Beispiel US-amerikanischen oder britischen, lesen, während die deutschen Medien noch weitgehend die Legende verbreiten, es laufe gar nicht so schlecht für Kiew.

Was der Spiegel als Erfolg verkauft

Schauen wir uns also einmal an, was für den Spiegel der Grund dafür ist, die Ukraine unmittelbar vor dem Durchbruch zur Krim zu sehen. Derzeit wird im Bereich Saporoschje vor allem das Dorf Rabotino gekämpft, wobei die Ukraine behauptet, sie habe das Dorf erobert, während Russland meldet, das Dorf sei nicht unter ukrainischer Kontrolle. Faktisch ist völlig unwichtig, was stimmt, wie ein Blick auf die vom Spiegel veröffentliche Karte zeigt.

Ob es der Ukraine gelingt, die erste Verteidigungslinie bei Rabotino (Rabotine, wie der Spiegel es nennt) zu überwinden, ist strategisch egal, denn danach folgen weitere russische Verteidigungslinien, die der Spiegel als rote Punkte eingezeichnet. Hinzu kommt, dass die Ukraine so hohe Verluste hat, dass sie selbst im Falle eines Durchbruches gar nicht mehr die Kraft für einen weiten Vorstoß hätte, denn sie hat bereits begonnen, auch die letzten Reserven in die Schlacht zu werfen, die eigentlich dafür gedacht waren, nach einem ukrainischen Durchbruch den Vormarsch nach Süden durchzuführen. Diese Reserven hat Kiew also gar nicht mehr.

Dass die Ukraine möglicherweise ein Dorf einnehmen konnte, ist der Grund für die Euphorie der Spiegel-Redaktion. Und genau das erinnert mich an die deutschen Wochenschauen vom Herbst 1944, als die Nazis ganz begeistert von der Ardennen-Offensive geschwärmt haben, die nach wenigen Tagen wieder zusammenbrach. Auch damals wurde jedes eroberte Dorf medial gefeiert.

Fantasien

Von den Problemen Kiews erfährt der Spiegel-Leser nichts, stattdessen schreibt der Spiegel:

„Zum anderen eröffnet die Einnahme von Robotine den Weg in Richtung Süden zum strategisch wichtigen Knotenpunkt Tokmak. Ukrainische Einheiten haben bei Werbowe, etwas weiter südöstlich, bereits die sogenannte Surowikin-Linie überschritten, sagt das Institute for the Study of War (ISW).“

Das sind reine Fantasien, denn in den bisherigen Monaten der ukrainischen Offensive ist es der Ukraine nirgendwo gelungen, auch nur die erste Verteidigungslinie der Russen zu durchdringen. Selbst wenn es nun bei Rabotino gelingen sollte, dann sind zwischen der ukrainischen Armee und Tokmak noch drei weitere russische Verteidigungslinien, wie man auf der vom Spiegel gezeigten Karte sehen kann.

Aber der Spiegel erklärt seinen Lesern, dass die ukrainische Armee die anderen russischen Linien nehmen könne und schreibt danach:

„Fallen seine Anlagen, wäre Tokmak in Reichweite und damit auch Melitopol, das kurz vor dem Asowschen Meer liegt. Und bis dahin durchzudringen, sei das Maximalziel der ukrainischen Offensive, erklärt der Militärexperte Mike Martin auf X. Gelingt der Vorstoß, wäre die Landverbindung zur Krim gekappt und die Halbinsel in Reichweite der ukrainischen Artillerie. Es könnte gelingen, die russischen Truppen an den Dnjepr im Osten und das Schwarze Meer im Süden zurückzudrängen – die Region zwischen Melitopol und Cherson wäre unter Kontrolle.“

Schauen Sie nochmal auf die Karte. Von Tokmak nach Melitopol sind es etwa 50 Kilometer Luftlinie, von vernünftigen Straßen ist nichts zu sehen. Nachdem die Ukraine unter Einsatz zehntausender Menschenleben im Raum Saparoschje bestenfalls eine Handvoll Kilometer vorgerückt ist, soll Melitopol „in Reichweite“ sein, wenn Tokmak genommen wird, was eh schon als utopisch anzusehen ist?

Und weiter: Melitopol liegt „kurz vor dem Asowschen Meer“? Ich bin die Strecke von der Krim nach Melitopol schon im März 2022 gefahren, es sind fast 200 Kilometer Straße und die Straße war damals so schlecht, dass wir fast vier Stunden für die Strecke gebraucht haben.

Vorstoß bei Cherson?

Dass die Ukraine auch die Region Cherson unter Kontrolle bringen könne, folgert der Spiegel aus Kämpfen in dem Dorf Datschi, wo die Ukraine – laut eigenen Angaben – einen Brückenkopf errichtet hat. Allerdings ist eine große Offensive dort praktisch unmöglich, denn die ukrainische Armee hat das Problem, dass sie ihre Truppen in Datschi, auf der linken Seite des Dnjepr, nicht ausreichend versorgen kann.

Das wissen wir seit letztem Herbst, als Russland die Stadt Cherson und das rechte Dnjepr-Ufer geräumt hat, weil eine Versorgung der Stadt und der russischen Truppen zu schwierig wurde, denn die einzigen Dnjepr-Übergänge (die Antonow-Brücke und der Kachowka-Staudamm) waren nicht mehr passierbar. Den Kachowka-Staudamm und die Brücke, die damals beide „nur“ schwer beschädigt waren, gibt es inzwischen nicht einmal nicht mehr.

Zur Versorgung gab es damals nur eine kleine Autofähre, auf der ich damals auch den Dnjepr überquert habe. Da die aber auch unter Beschuss war, war die Versorgung der russischen Armee gefährdet und sie hat sich schweren Herzens für den strategischen Rückzug aus Cherson entschieden.

Die Ukraine wird das gleiche Problem haben, wenn sie über den Dnjepr übersetzen will, weshalb dort selbst dann keinerlei größere ukrainischen Erfolge zu erwarten wären, wenn die ukrainische Armee noch schlagkräftig wäre, was sie aufgrund ihrer gigantischen Verluste aber nur noch begrenzt ist.

Verluste

Besonders kreativ wird es in dem Spiegel-Artikel, als es um Verluste geht:

„Derzeit scheinen die Russen stärkere Verluste hinnehmen zu müssen: Die Ukrainer verloren nach Angaben des Militärblogs Oryx seit Beginn der Offensive in Saporischschja 21 Artilleriegeschütze , die Russen hingegen 66. (…) Über die menschlichen Verluste ist wenig bekannt. Die »New York Times« zitierte zuletzt amerikanische Beamte, die auf russischer Seite 120.000 Tote und mindestens 170.000 Verletzte schätzten. In der Ukraine sollen es 70.000 Gefallene und 100.000 Verwundete sein. Die Zahlen gelten unter Experten allerdings als unrealistisch, da in der modernen Kriegsführung das Verhältnis von Toten und Verletzten in der Regel bei 1:4 liegt.“

Das Problem bei den Verlusten liegt ganz woanders als der Spiegel schreibt. Es ist eine Grundregel, dass der Angreifer höhere Verluste hat als der Verteidiger. Die Ukrainer müssen durch russische Minenfelder und die Russen haben die Luftüberlegenheit. Die Verluste der ukrainischen Streitkräfte müssen daher ein Vielfaches der russischen Verluste betragen, die Rede ist von eins zu sieben bis eins zu zehn. Das aber erwähnt der Spiegel nicht einmal.

Und auch das erinnert stark an die deutschen Wochenschauen vom Herbst 1944.

Entweder haben die Spiegel-Autoren keinerlei Fachkenntnis und schreiben ihre Fantasien nieder, oder die Lage der ukrainischen Armee ist so schlecht, dass den deutschen Medien nur noch die Methoden der Nazi-Kriegspropaganda aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges bleiben. Oder beides…